12 Juli FranScorpia – Abschnitt 1
PRÄAMBEL: Hier folgen nun Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Am Pausentag gibt es dann die Politur des gesamten Abschnitts in absteigender Reihenfolge.
Der Vortag in Stuttgart
Nun steht sie also vor der Tür: meine dritte große Fernwanderung. Nach meiner „fransalpina“ 2019 – auf dem E5 von Oberstaufen nach Verona – und „franzi geht dann heim“ in 2023 – von Essen an den Schliersee , steht nun – aller sehr guten Dinge sind DREI die „FranScorpia“an.
Die Route führt mich auf den Spuren meiner Vorfahren mütterlicherseits, mit Nachnamen Schorpp, einer südtirol/italienischen Variation von Scorpio. Daher der Name UND auch das wundervolle Enblem, das mir die Illustratorin Karolina Golightly zur Tour entworfen hat! Damit kann es nun wirklich losgehen; also damit kann ICH nun wirklich losgehen.

Ich habe mir für diese Tour eine neue „Dokumentations-Struktur überlegt und werde jeden Tag direkt hier im Blog schreiben und nach den Pausentagen dann jeweils mit einem neuem Kapitel starten. Wollen wir mal sehen, wie sinnvoll sich das zeigen wird.
Heute habe ich mich an meinem Start-Ort, meinem alten Wohn-und Aufwachs-Ort Stuttgart quasi akklimatisiert. Wie könnte das besser geschehen als im Mineralbad! Und da gibt es für mich persönlich kein Schöneres, als das Mineralbad Berg, das ich in meinem Roman „Minas Sommer“ bereits begeistert besungen habe.
Vorfreudvoll stand ich also an den Pforten – UND: Bis auf weiteres geschlossen.

Nur die Enten dümpelten im grünlichen Wasser. Also hatte das Schicksal mal wieder entschieden, denn das EIGENTLICHE Bad meiner Schorppschen Vorfahren war ja sowieso die „Konkurrenz“ nebenan: das Leuze, früher Inselbad.
Das 20 Grad kalte Mineralgebritzel auf der Haut ist auch hier wunderbar – kommt einer Taufe zur Tour gleich. Im Anschluss gibt es noch die obligatorische Kultspeisung: Milchkaffee und Butterbrezel – wie vor 40 Jahren.
Aus schierem Übermut hat mich dann eine Biene in die Verse gestochen. Kurzer Gedankenblitz: Was ist, wenn ich jetzt irgendwie übermäßig reagiere und morgen nicht in den Bergstiefel passe? Aber nach einer halben Stunde Nervenrauschen bis hoch zum Knie war der Spuk dann wieder vorbei – und das Leben der armen kleinen Biene eben auch. Das sie sich für meine Tour quasi geopfert hat, nehme ich gedanklich mit in die Nacht.
Und diese Nacht soll bald beginnen, damit ich morgen früh – sehr früh – der Hitze ein Stück voraus sein kann. Bin aufgeregt.





Etappe 1: Stuttgart Waldfriedhof – Böblingen, Waldbiergarten, sonnig bei 33°C – 15 km
Ich bin in der Früh wirklich sehr früh aufgewacht, es war wohl gegen halb vier. Habe mich erinnert, dass ich vor dem letzten Wander-Start in 2023 auch nicht so recht geschlafen habe. Heute war es eher freudige Aufgeregtheit. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viel in Karten geschaut, Routen geändert und Ziele neu gesetzt – alles in der Theorie, am Bildschirm und auf Papier, eben zweidimensional. Wie wird das wohl alles in echt und Farbe, bei Hitze oder Regen in 3D dann aussehen? Bin gespannt.
Dann kommt um viertel nach vier schon der erste Zauber:

Eine hauchdünne Mondsichel geht im Nord-Osten auf und nimmt ihre Bahn genau in Richtung Sonnenaufgang. Wie geht das bitte? Die schmale Sichel sehe ich doch, weil der Rest Sonnenbeleuchtung von der Erde verschattet wird, aber die beiden sind jetzt in der selben Richtung, wie werfen wir Erdlinge da wohin Schatten? Vielleicht hat es etwas mit der Erdkrümmung zu tun? Oder doch eher mit der Hornhautverkrümmung meiner alternden Augen? Fragen über Fragen – und das zu so früher Stunde, Viertelstunde. Die Schwäbin sagt zu 4:15 Uhr übrigens „Viertel Fümpfe“ – und ich finde das nicht nur logisch, sondern auch zuversichtlich: Man ist auf dem Weg zur nächsten Stunde eben schon ein Viertel vorangekommen.
Heute ist also der 13. Juli – und schlagartig fällt mir ein und auf, dass ich gestern den 12. vergessen habe, also vergessen habe, einen 12von12er Blogartikel zu bebildern. Verrückt, das vergesse ich eigentlich nie; war wohl in meiner Wandervorbereitung und vom Mineralbad-Besuch anderweitig verpeilt. Spontan überlege ich mir, heute einfach 13 Bilder vom 13. zu zeigen. 13 ist toll: dreizehn Neumonde im Jahr, 13 Feen. Viele sagen, die Dreizehnte wäre die böse. Das stimmt aber nicht. Die zwölfte, die kommt, ist sauer und wütet; die dreizehnte mildert deren Katastrophe wieder ab – so schaut es aus. Die Zwölf vollendet und schließt ab, die Dreizehn eröffnet den nächsten Reigen. Ich mag die Dreizehn sehr.
Über diese Idee, begleitet vom ersten Kaffee, ist es jetzt schon kurz nach Fünf. Ich stehe auf, richte mein Vesper, möchte bald aufbrechen, denn es soll heute heiß werden, sehr heiß.
Mein ausgewählter offizieller Tourenbeginn ist am Waldfriedhof, am Grab meiner Großeltern der Mutterlinie. Habe mich in den letzten Tagen gefragt, welche Vogelfeder wohl den ersten Platz an meinem neuen Hutband einnehmen wird. Genau hier liegt sie also vor mir: eine hübsche gepunktete Feder vom Specht.

Ich habe mir in freudiger Anlehnung an den Jakobs-Pilgerpass von 2023 einen kleinen FranScorpia-Wanderpass mit Karolina Golightlys schönem Wander-Emblem gebastelt, um meine Stationen auch auf diese Art zu bebildern. Und mein Wunsch geht in Erfüllung. Um kurz nach 6 Uhr. Tatsächlich wird hier in den Bürostuben schon gearbeitet und ein Fenster steht offen. Ich erzähle dem freundlichen Mitarbeiter von meiner Tour und meinem Stempelplan und bekomme einen allerersten Stempel in mein Heftle und herzliche Grüße mit auf den Weg. Das fängt alles sehr gut an, ich bin entzückt und gehe los.

Stuttgart – die Stadt zwischen Wald und Reben – aber auch die Stadt der Hügel und Stäffele. So führt mich der Weg hinunter ins Tal. Da entdecke ich die renaturierten Vorzeige-Stellen des Nesenbachs. Einstens brutal zum Abwasser degradiert und unterirdischen kanalisiert, so darf sich dieser Nesenbach heute an manchen Stellen wieder annähernd als ein Bächlein fühlen. Mir kommt in den Sinn, dass diese Tour, zumindest so, wie ich sie derzeit geplant habe, viel mit Wasser zu tun hat, an Wassern entlang führt, mich über und auf Wasser führt – und natürlich auch so oft es geht INS Wasser hüpfen lässt.
Unten in Kaltental angekommen, geht es also auf der anderen Seite gleich wieder hoch Richtung Vaihingen. Ich bin gespannt, ob ich das Haus meiner Großeltern, in dem sie vor circa 50 Jahren wohnten, wiederfinde. Und das bringt mir dann schon die erste Extra-Schlaufe des Tages ein – meine Kommod-App und ich, wir kommunizieren noch nicht perfekt – haben ja noch ein paar Wochen Zeit uns aneinander zu gewöhnen.
Irgendwann stehe ich doch vor dem Haus, das ich sicher und eindeutig erkenne. Ein Herr gießt am Balkon die Blumen und ich sehe vor meinem inneren Auge (noch gänzlich ohne Hornhautverkrümmung) meine Oma einen Balkon darüber ihre Petunien gießen. Um nicht zu unhöflich weiter zu glotzen, stelle ich mich kurz vor und erzähle von meiner Tour. Da sind wir schon ins köstlichste Gespräch vertieft, denn er kann sich natürlich noch gut an meine Großeltern erinnern – auch, dass mein Opa immer gerne Opern- und Operetten-Schallplatten gehört hatte. Gerne und laut. Na, da weiß ich endlich, woher es kommt, gelle?!
Nach erster kurzer Vesperpause folgt eine etwas schundige Passage durch den Ort Vaihingen – schundig, weil heißer Asphalt. Doch schon bald finde ich mich im Wald wieder. Auf einer ehemaligen Panzerstraße – wie ich auf dem Lehrschild erfahre, die später zur Fahrradstrecke umgewidmet wurde. Lauschiger Wald rechts und links und ab und an ein hölzerne Sitzgelegenheit:

Hier im Wald gedeihen wunderschöne Engelwurz-Pflanzen in voller Blüte. Sie begleiten mich – und hier keimt in mir die Idee auf, mich jeden Tag mit einer Pflanze gesondert zu beschäftigen. mal sehen, was daraus wird – bloß nicht zuviel Festdenken direkt zu Beginn. Weiter geht’s!
Schnurstracks, also Kerzen- besser Panzer-gerade führt mich der Weg, und am Ende geht es ein gutes Stück am US-Gelände entlang. Überraschend trostlos. Verbrannte Wiesen, vereinsamte Grills und vergessene Spielbälle glühen da in der Mittags-Sonne.
Ich bin wirklich gut vorangekommen und deutlich schneller als gedacht. Das Ziel des heutigen Tages ist in Böblingen der Waldbiergarten am Wasserturm. Und da der Wasserturm heute besichtigt, also erklommen werden kann, lasse ich mir diesen Endspurt des Tages nicht nehmen und gönne mir die 154 Stufen. Die Aussicht und der kühle Wind da oben machen die Anstrengung mehr als wett.

Danach schmeckt die Schorle im Biergarten doppelt gut. Sogar so gut, dass ich meinen Mut zusammenkratze und in das daneben liegende Fire Department gehe. Ein ehemaliger Landsitz oder womöglich sogar Schloss, in dem ebenfalls seit den 1950ern die US Feuerwache fürs Militärgelände stationiert ist. Da möchte ich bitte gern einen nächsten und für heute letzten Stempel in mein Heftchen haben.
Die schwere Eingangstür ist geöffnet, ich luge hinein. Die schicke, altmodisch hölzerne Empfangshalle ist leer. Allein ein prächtiger Kronleuchter hängt da, sonst Stille. Ich rufe ein paar Mal und dann kommt ein junger Fire Man. Auch er findet meine Geschichte der Tour und meinen Stempel-Wunsch irgendwie nett, und so macht er sich mit mir durch mehrere Etagen und Büros auf die Suche. Ich komme mir original wie in einem US-Film vor, überall Wimpel und Abzeichen und alles eben „Fire Department“.
Letzten Endes haben drei wirklich gut aussehende, junge Männer dafür gesorgt, dass ich nun einen supertollen Aufkleber in meinem Heftle bewundern kann.

Viel mehr geht für heute wirklich nicht. Ich bin gespannt, was meine Füßchen zu dieser ersten Etappe sagen werden, pflege sie liebevoll und ruhe mich aus – bis es morgen dann hinter Böblingen ländlich weitergeht.
Schon allein dieser erste Tag hat mir so viel Schönes gezeigt, wie ich es mir während der Vorbereitung nicht hatte vorstellen können. Denken ist eben das Eine – Tun das Andere.
Gute Nacht






Etappe 2: Mauren – Herrenberg, sonnig bei 33°C – 15 km
Heute vormittag soll es regnen. Von allen heiß ersehnt. Zu Recht. Und die Dannheimerin kommt um 6 Uhr ins erste Hadern: Flink vor dem Regen aufbrechen? Oder entspannt abwarten? Und da nimmt mir die Wetterlage zum Glück die Entscheidung ab. Es fängt nämlich flott an zu regnen und Donner grollt den Applaus dazu. Wie gerne sitze ich nun im Trockenen – und lasse es schön ruhig angehen. Bald zieht der Himmel auf und meine zweite Etappe kann beginnen – kein Muskelkater, Füßchen sind auch ok – los geht’s.

Was ist das schön hier hinter Mauren. Landschaftlich möchte ich mich im Bayrischen verorten, die Kuhglocken tönen weit. Schon jetzt hat sich die ganze Tour-Idee eingelöst: ich liebe es, allein und still durch den Wald zu gehen, Baby-Fröschchen hüpfen vor mir auf dem Weg, Bekannte und weniger bekannte aus der Pflanzenwelt grüßen am Wegesrand – und in meinem Inneren macht sich dieses jubelnde Gefühl von Freiheit breit. Der wilde Duft nach Sommerregen ist aber auch berauschend!
Frische Wildschweinspuren im noch leicht regenfeuchten Boden, lassen mich mit gewisser Aufmerksamkeit gehen, ich denke an meinen Namenspatron und was er wohl so einer Wildsau erzählen würde, sollte sie auf ihn zu galoppieren. Franz’n Franzi.
Noch größer wird der Jubel, als ich feststelle, dass mich dieser Tag nicht nur durch den zauberschönen, urwaldanmutenden Schönbuch führt, der mir trotz angekündigter Hitze angenehme Waldesfrische beschert – nein, es kommt noch besser: ich laufe heute wieder ein Stück HW5, also den Schwäbischen Hauptwanderweg Nummero 5, auf dem ich vor 3 Jahren schon ein gutes Stück auf meiner „franzi geht dann heim“-Tour gelaufen bin. Damals war ich fast ein bisschen traurig, dass die Etappe mit dem Schönbuchturm genau NICHT auf meiner Route lag.

Und heute steht diese besondere Strecke an, die mich zum Schönbuchturm führt. Eine wirklich spektakuläre Konstruktion, deren Achtbalkiges Holz-Gerüst aus heimischen Lärchen konstruiert ist, und drumherum „schwebt“ man scheinbar luftige Stahltreppen empor.
Also von Schweben kann bei mir persönlich in der knalligen und prallen Sonne nun wirklich keine Rede sein. Erst als ich beobachte, wie ein junger Mann mit rührender Geduld seine Freundin, die offenkundig von Höhenangst geplagt ist, hinauf und nach kurzer händchenverhaltener Aussicht wieder hinunter begleitet, stelle ich fest, dass bei mir eigentlich alles ganz gut läuft: Keine Höhenangst, kaum Atemnot beim Treppensteigen, dafür erhabenes Königinnengefühl beim sensationellen Rundum-Blick.
Heute lag er also genau richtig auf meiner Route, der Schönbuchturm. Ich sinniere ein wenig über die Sache vom „rechten Zeitpunkt“ und wie sinnvoll es oft sein kann, sich in Geduld zu üben, oder in Gelassenheit, dass sich alles letzten Endes schon immer fügt. Es kommt mir selbst hier und jetzt ganz platt vor, dass ich mir das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse in mein Wandertagebuch für diese Tour geschrieben habe, quasi als Leit-Gedanken, Geleit-Gedicht, Lebensleiter, Seelenbegleiter … das hat der Hermann trefflichst formuliert, seit ca 40 Jahren klettere ich mit ihm Stuf um Stufe.
Weiter geht es nach Herrenberg, ebenfalls von mir vor drei Jahren schon besucht. Es ist fast so, wie wenn man eine freundliche Bekannte wiedersieht. Heute ist die Stiftskirche leider geschlossen, also gibt es kein Gesangs-Besuch.

Dafür ein leckeres Eis am pittoresken Marktplatz. Zudem kredenzt mir die abgeschlossene Kirche – wie zum tröstlichen Ausgleich – eine mehrstimmige und mehrstrophige Glockenspiel-Variation von „Geh aus mein Herz und suche Freud …“ Ja, das tue ich gerade: Ich gehe hinaus in diese schöne Welt und finde Freud. Und ich meine nicht den Sigmund!
Was kann es einen perfekteren Tages-Abschluss geben, als einen Besuch im Naturfreibad Herrenberg. Allerlei Pflanzen säumen hier die Beckenumrandung, kein Chlor, dafür Libellen und Mauerseglerballett knapp über der Wasseroberfläche – ob das Wetter wohl noch kippt?

Wahrscheinlich bin ich es, die zuerst kippt – und zwar ist Bett. Doch zuvor gibt es hier das standesgemäße Abendessen und ich verkneife mir zum Nachtisch das „Datsch-Weckle“ – herrlich! In diesem schwäbischen Vokabular fühle ich mich sofort daheim und wieder Kind … voller Freud in dieser lieben Sommerzeit …
Guten Appetit und Gute Nacht





Etappe 3: Herrenberg – Vollmaringen, bewölkt bei 26°C – 22 km
Die Wetterlage ließ am Morgen wenig Interpretationsspielraum: Gewitter und Regen. Danach ein leicht verzagter Sonnenaufgang – genau an dem Feld fotografisch festgehalten, an dem ich 2023 schon ein Wind-Haar-Zausel-Foto verewigt hatte. Wieder denke ich darüber nach, dass sich manche Dinge wiederholen, aber nie die gleichen sind.

Es ist in vielerlei Hinsicht eine ganz andere Tour, eine ganz andere Wanderei als vor drei Jahren. Und das ist gut so. Ich breche also gegen halb 8 auf und bin gespannt, ob die dunklen Wolkenmauern wirklich VOR mir her wandern werden. Regen macht mir nichts, aber Gewitter kann ich nicht gut.
Es zeigt sich immer wieder, dass dies eine „Wasser-Tour“ wird. Der Weg führt mich – mal geplant, mal überraschend – ans Wasser. Heute wollte ich also zum Ammer-Ursprung gehen. Die Ammer hat diesem Tal den Namen gegeben und schlängelt sich dann gen Tübingen, also gewissermaßen das Flüsschen meiner heilen Kindertage, Adresse: Ammerbuch. Ammer und Schönbuch schön aneinander.
Es geht bergan und der Blick ist wirklich schön, ich sehe sogar bis zum Schönbuchturm von gestern. Wieder einmal kann ich feststellen, dass ich am Tag mehr laufe, als mein Blick bis zum Horizont reicht – zumindest hier im Hügeligen. Vor lauter Vormittags-Philosophoiererei und Kommod-Ignoranz meinerseits, laufe ich am Abzweig zur Ammerquelle vorbei. Als ich das bemerke, frage ich mich kurz, ob ich umdrehen soll, komme aber gleich ins nächste philosophische Fahrwasser: Vielleicht geht es garnicht mehr darum, in meinen persönlichen Herkunftsgeschichten zu gründeln, sondern voran zu gehen, vor allem voraus zu schauen.

Und das tue ich jetzt. Im nächsten Ort Haslach stehe ich an der verschlossenen Kirche und höre Schlüsselgeklimper von innen. Was für ein Glück: Heute wird sie von der reizenden Mitarbeiterin etwas früher geöffnet als sonst. Leider gibt es keinen Stempel für meinen kleinen Ausweis, aber singen kann ich hier. Ungestört, vor allem unstörend. Auch das hat sich verändert. Ich habe kein Zaudern mehr, ich singe einfach – und das tut gut. Später bekomme ich im Rathaus sogar noch einen Stempel von einer sehr netten Mitarbeiterin.
Ich verlasse die Ortschaft über eine Straße, deren Namen verpflichtet: Franziska von Hohenheim. Schon als Kind, als Mädchen war ich fasziniert von ihr und ihrer Geschichte – natürlich und vor allem, da es in meinen Kindertagen keine zweite „Franziska“ in meinem Umfeld gab und damit war ich ihr in dieser Exklusivität schon verbunden. Dieses Hohenheim übt auch einen besonderen Zauber auf mich aus – und nicht zuletzt ist der von mir so sehr verehrte Paracelsus, bzw sein Vater aus dem Geschlecht der von Hohenheims – das beglückt die Dannheim.

An genau dieser Straße gedeihen unterschiedlichste Obstbäume – Streuobstwiesen sind hier Landschaftsmerkmal. Da streckt mir doch plötzlich ein Aprikosenbaum sein Ästchen entgegen und ehe ich’s versehe, liegt eine orangefarbene Pracht in meiner Hand und wandert schnell in den Mund. Köstliche Süße. Was für ein Geschenk, in dieser Zeit auf Wanderschaft zu sein. Schlaraffen-Pracht – das Essen fliegt mir in den Mund.
Und schwups geht es wieder in den Wald. Irgendwie atmet da meine Seele immer spürbar aus, wenn ich die Zivilisation mit all ihren tollen Aprikosen wieder verlassen darf. Im Wald fühl ich mich daheim und frei. Dankenswerter Weise habe ich gute Regenkleidung dabei, denn pünktlich, wie die schwäbische Kehrwoch, kommt die angekündigte Regnerei vorbei. Und ich mache derweil Vesperpause unterm dichten Lindenbaum – und träumt in seinem Schatten – also Trocknen – manch süßen Traum …

Der weitere Weg geht entlang eines beeindruckend riesigen und irgendwie deprimierenden Steinbruchs entlang. Das sind Ausmaße von mehreren Stockwerken, Etagen, See-Grundlagen, und mich erdrückt die Grobheit und Brutalität, mit der hier das Gestein aus Mutter Erde heraus gesprengt wird. Ich glaube, keiner der hier Mitarbeitenden oder Verantwortlichen bedankt sich mit einer freundlich fürsorglichen Gegenleistung bei der großen Mutter und ihren Gaben.

Hinter recht scheußlichem Industrie-Gebiet geht der Weg nun wieder aufs Feld. Inzwischen ist die Sonne wieder voll da, dunkle Wolken stehen über dem Horizont, da kommt sicher noch etwas runter heute. Die letzten Schritte oder besser die Vorletzten führen mich zum Zielort: Vollmaringen. Darauf habe ich mich ganz besonders gefreut. Aus diesem winzigen Dorf kommt nämlich mein Urgroßvater mit Familiennamen Schorpp. Später wurde er Friseur in Stuttgart, eröffnete einen eigenen Salon, der doch vielmehr noch Drogerie und Naturheilkunde-G’schäft war. Von ihm besitze ich noch zwei Lehrbücher zum Thema und bin mir ganz sicher, dass ich einen Gutteil meiner pflanzenheilkundlichen Begeisterung genau von ihm habe.
Übrigens: die Pflanze des heutigen Tages ist der Odermenning – dazu später einmal mehr. Meine Idee ist nämlich, mich jeden Tag beim Laufen einer Pflanze zu widmen, mit der ich noch nicht so vertraut bin. Und so wie ich vom Odermenning bisher kaum mehr, als dass es eine der Bachblüten ist, sogar die Nummer 1: Agrimony – sie steht für Ehrlichkeit und emotionale Offenheit. Das ist gut, sehr gut sogar. Nächstens mehr.

So gehe ich übers glühende Feld zuerst intuitiv zur Londorfer Kapelle vor dem Ort, und habe dort direkt eine besonders reizende Begegnung mit zwei Damen und dem dazukommenden Bruder der einen. Der Familienname Schorpp ist ihnen bekannt und so erinnern sie sich gemeinsam an eine längst verstorbene Johanna, eine geborene Schorpp – und bis sie dann alle Einzelheiten über Heirat und ähnliches beisammen haben, stellen wir fest, genau neben ihrem Grab zu stehen. Sachen gibt’s … aber keine Zufälle.
Und ähnlich beglückend geht es weiter in Vollmaringen: Eine ältere Dame in der Sakristei der wirklich schönen Georgs-Kirche kennt die Familie – oder besser: kannte die Familie ebenfalls und kann mir den Weg zur Ort, wo ihr Hof damals stand, genau beschreiben. Leider alles abgerissen und mehr oder weniger phantasielose Neubauten statt dessen, aber ein Stück wilde Wiese, wilder Acker, der ist noch da. Ich atme tief durch, drehe mich um und sehe, dass ein Nachbar an einem Stand vor seinem Haus eigenen Honig verkauft. Was für ein krönender Abschluss!

Wir kommen nett ins Gespräch, ich kaufe 2 Gläser Honig, schon allein, um den Adress-Aufkleber später vorsichtig vom Glas abzulösen und als Stempel/Aufkleber in meine Pilger-Heftle zu kleben. Danke Jakob Breining.
Das war ein echt bewegender Tag. Nicht wegen der 22 Kilometer. UND ich habe es VOR dem Gewitter ans Ziel geschafft!





Etappe 4: Horb – Glatten, überwiegend sonnig bei 25°C – 22 km
Ich sage es gleich vorweg: diese 22 Kilometer der heutigen Etappe waren um ein Vielfaches anstrengender, als die 22 Kilometer gestern. Obwohl ich mit besseren Bedingungen gestartet bin.
Aber jetzt mal hübsch der Reihe nach: Der Nebel, die Wolken, der Dunst – also „die kochende Hasenmutter“ hing nach dem gestrigen Gewitter-Sturzregen heute morgen lange über dem Neckartal. Nach sinnvollen Plan- und Routen-Änderung ging es am Abend nämlich noch nach Horb.
Also habe ich mir am Morgen etwas mehr Zeit gelassen mit dem Aufbruch. Habe die Route auch ehrlich unterschätzt. 22 Kilometer sehen auf der Landkarte halt zweidimensional aus, wie 22 Kilometer. Und dann ist man im Schwarzwals und – zack, geht es rauf und runter, und zwar ordentlich.

Am Neckar-Uferkilometer 278 ging es für mich bei mildem Sonnenschein los. Und ich kam nicht weit. Eine nette Walkerin sprach mich an – und schnell waren wir in ein schönes Gespräch übers Jakobspilgern und das Wandern an sich vertieft. Über die geomantischen Besonderheiten eines ausgewiesenen Pilgerweges und die reinigende Kraft des Gehens. Sie erzählte von ihrem Camino Anfang der 2000er Jahre und war dann völlig überrascht, dass ich hier und heute genau ein Stück Camino, also Jakobsweg gehen werde. Sie wusste nicht einmal, wo der Camino in ihrem Dorf entlang führt. So ist es ja oft: der Prophet im eigenen Land zählt nix. Da muss man zu Selbstfindung schon mal nach Tibet fliegen, oder zur wahren Verbindung mit Mutter Erde nach Peru … ich finde mich dann mal heute im Schwarzwald.
Auch wenn meine FranScorpia-Tour ja kein ausgewiesenes Jakobs-Pilgern ist, so schaue ich doch immer, ob ich zwischen meinen ausgesuchten Zwischen-Zielen eine Jakobs-Verbindung wählen kann, denn es ist auf diesem Weg wirklich eine andere Energie. Kaum habe ich die erste gelbe Muschel auf blauem Grund entdeckt, fühle ich mich freudig empfangen und liebevoll begleitet.

Also gönne ich mir zum ersten strammen Aufstieg direkt am Ortsende von Horb, den Kreuzgang hinauf zur Ottilien-Kapelle. Wirklich stramm hinauf, in brennender Hitze. Mir ist die heilige Ottilie, als Schutzpatronin für Augenleiden seit Kindertagen vertraut, schließlich gibt es einige Augenärzte in meiner Familie und eine hölzerne Ottilien-Figur ist irgendwann in meinen Haushalt hinein geerbt.
Ich zwinge mich also Stufe um Stufe – Servus Hermann – hinauf zur Kapelle, der Schweiß schwemmt mir die Sonnencreme in die Augen und ich sehe nichts mehr, Danke Ottilie. Um welches innere oder äußere Sehen darf ich hier oben bei prächtiges Sicht übers Neckartal bitten? Dieser zusätzliche Ausflug beschert mir nicht nur erste tief empfundene Einsichten, sondern deutlich mehr Strecke als geplant, sowie deutlich mehr Höhe, direkt zu Beginn.

Im Anschluss komme ich auf dem Jakobsweg gut vorran. Komme sogar an einer Jakobs-Kirche vorbei und habe nun den ersten Original-Jakobs-Stembel in meinem Heftle. Dann geht es lange und einsam über waldigen Bergrücken und wieder tief hinunter ins Tal. Ich freue mich, ab und an in der Ferne ein vorbeifahrendes Auto zu hören. Der Mensch ist ja doch ein soziales Wesen – also viele von uns, nicht alle! Und manchmal reicht da schon eine fernab knatternde Vespa, um sich nicht mehr allein zu fühlen. Allein auch mit den Ängsten die da hochsteigen wollen ab und an.
Die Pflanze des Tages ist übrigens der Breitwegerich. Herr der Wege. Und er war heute viel und präsent an meinem Weg. In dieser Jahreszeit trägt er die frischen grünen langen Samenstände. Davon gönne ich mir jeden Tag zwei oder drei Rispen. Wer braucht schon Drogeriemarkt-Packugen von Flohsamenschalen, wenn sie es von Mutter Natur direkt und einheimisch kredenzt bekommt!
Irgendwann durchquere ich das hübsche Dörfchen Diessen und fühle mich schlagartig wirklich im Schwarzwald angekommen. Die gepflegten Häuser mit ihren blumengeschmückten Balkonen lassen mich auf Kuckucks-Uhren-Gerufe warten.
Und dann geht es am Ende des Dorfes schon wieder steil hinauf in den schwarzen Wald. Am Himmel ziehen teils dunkle Wolken auf. Als sich mein Weg dann auf die Hochebene mit ihren goldgelben Feldern so weit das Auge reichet, eröffnet, lässt sich die Sonne nicht lange bitten und brennt erbarmungslos, es ist wirklich heiß.

Und dann geschieht etwas Merkwürdiges, Denkwürdiges. Genau über mir formiert sich eine dunkle, eine sehr dunkle Wolke in sauberer Dreiecksform und zieht mit der Spitze direkt auf mich. Vielleicht bin ich auch schon etwas im Hitzedelir angekommen, aber ich nehme das persönlich und Unruhe steigt in mir hoch. Dann höre ich einen ersten, einen zweiten und noch einen dritten Donner, und in der Wolkenmitte entwickelt sich ein Strudel, ein helles Loch. Jetzt ist sie da: Franzis Gewitterpanik – auf der Hochebene, um mich nur Getreide, kein Schutz, nix und niemand. Wohin mir dem Adrenalin, das da in meinen Adern den Feitztanz anzählt. Ich kann ja nicht wegrennen.
Zwei Gedanken kommen gleichzeitig in mein Hirn: Zum Einen erinnere ich mich plötzlich daran, dass der Küster in Mittenwald bei drohendem Gewitter alle Glocken läutet, damit die Schallwellen den Gewitter-Eintopf sicher aus dem Tal verdrängen. Zum Anderen fällt mir der „Segens-Spruch“ von Wolf-Dieter Storl ein, als ich während eines Ausbildungsblocks im vergangenen Jahr im Allgäu, abends am Feuer gesungen habe. Er nahm mich bei Seite und sagte: „Dein Gesang, Franziska, ist deine Medizin. Nutze sie.“
Und das tut sie, die Franziska. Sie singt lauthals und aus tiefstem Herzen alle Medizinlieder, die ihr einfallen, schallend über die Felder. Ich schaue nicht nach oben. Ich singe und singe und singe. Was soll ich sagen: Am Ende der Hochebene ist der Himmel wieder klar und blau – es ist nur noch heiß. Mein ganzes System rauscht, als ich den steilen Abstieg in meinen Ziel-Ort Glatten antrete.
Unten im Ort angekommen, gießt ein Mann den Blumen-Schmuck am Dorfplatz, schaut mich an – und ich muss arg verwettert ausschauen – und kommt auf mich zu. Er bewundert meinen Stab, an dem Eisenkraut und Johanniskraut als Schutzpflanzen eben ihren Dienst getan haben, und verfällt ins Schwärmen.

Hier treffen sich gerade wieder einmal zwei „Vagabunden-Seelen“. Natürlich war er Schäfer und Holzfäller und ist heute Helfende Hand im Ort. Andreas ist sein Name. Sein Namenspatron ist Schutzpatron der Wasserträger – wie passend – und der Seilmacher – genau so passend: Seile verbinden, Seile können retten, Seilschaften …
Von Andreas erfahre ich, dass Jürgen Klopp hier in Glatten geboren ist. Er zeigt mir das Geburtshaus und verrät mir die Geheim-Tricks, mit denen Jürgens Mutter die Geranien zur Pracht-Blüte gebracht hat. Nach gemeinsamem Besuch am Rathaus, erhalte ich dort nicht nur einen Stempel in mein Heftle, ich bekomme von Andreas 3 Bonbons überreicht, die ich Hostien-gleich in meiner Tasche verstaue, als Nothelfer-Bonbons für kommende schwere Momente. Zum Abschied sagt Andreas: „Ich würde mit dir über den Brenner gehen, bin nach Italien. um aufzupassen, dass dir nichts passiert.“ Und genau so meint er das.
Zur profanen, wie köstlichen Erholung geht es am späten Nachmittag ins Naturfreibad. Nahezu schwerelos schwebe ich rittlings im Wasser, schaue in den blauen Himmel und kann mein Glück kaum fassen, solche Erlebnisse und Erfahrungen machen zu dürfen, solche Begegnungen zu erleben, und die Gewissheit zu stärken, dass es einige von uns gibt auf diesem Planeten, die wir nicht so fest in der zivilisierten Gesellschaft verankert sind, und dass wir uns erkennen – im Vorübergehen.

Zum Abend gibt es aus gegebenen Anlass eine Planänderung: der angedachten Pausentag wird vorgezogen. Mein Gestell will Erholung, meine Seele will die Eindrücke verarbeiten und mein Geist will die Lehren daraus destillieren.
Außerdem will die Franzi morgen nochmal in das Naturfreibad. Hurra!





Resümee am Pausentag in Glatten
Es war eine sehr gute Entscheidung, heute nicht weiter zu gehen. Am frühen Morgen ächzt es noch in Dannheims Knochengebälk. Langsamer Einstieg in den Tag – UND große Überraschung: Andreas, der allseits helfende Andreas, kommt jetzt als Metzgerei-Fahrer mit einer Handvoll frischer Landjäger vorbei. Köstliches Frühstück.
Als ich später meine Route für den morgigen Tag genauer studiere, um keine weiteren Höhen-Überraschungen zu haben, sehe ich, dass ich mir schon früh in der Vorbereitungsphase extra die „Großvater-Tanne“, ein Naturdenkmal hoch oben am Berg, auf den Weg geplant habe. Und da fallen ein paar weitere Groschen: diese „Großvater-Tanne“ hat sich der Andreas-Helfer auf seinen Unterarm tätowiert. Noch Fragen?
Es regnet und gewittert zwischendurch und ich bin still und dankbar, im Trockenen zu sein. Wandere in Gedanken und durch diesen Blog noch einmal die Etappen entlang: Denke an den Herrn a Schönbuchturm, der mir von seiner Alpenüberquerung erzählte und mit dem ehrlich schmerzlichen Gesichts- und Gemüts-Ausdruck „beichtete“, dass der einzige Makel der Tour damals war – und für ihn bis heute IST, dass er vor einem Pass, das Angebot eines vorbeifahrenden Transportes angenommen hatte und sein schweres Touren-Gepäck nach oben fahren ließ – nicht sich selbst, nur das Gepäck! Also nicht alles im eigenen Schweiße des Angesichts mit dem Berg ausgemacht.
Ich kann den Angang nachvollziehen. Wir wollen die Dinge richtig machen. Aber was heißt „richtig“? Dazu habe ich mit meinen vergangenen Touren ein freieres und für mich passenderen Umgang gefunden: Meine Tour – meine Regeln!




Walter
Posted at 14:04h, 13 JuliAllzeit gutes Ankommen