FranScorpia Abschnitt 6: Über den Brenner nach Meran

PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Ich benutze keine KI, weder für Korrektur, noch für sonst etwas, aus Überzeugung. Am Pausentag gibt es dann eine Politur des gesamten Abschnitts. Finale Korrektur folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Etappe 24: Igls – Matrei / Steinach /

Irgendwie hat der Aufbruch von Hall heute morgen länger gedauert als gedacht und geplant und so kam es, dass ich erst um 10 Uhr in Igls an der schönen Kirche auf den Jakobsweg gegangen bin.

Da war es schon ganz gut warm – und das wurde über den Tag noch mehr.

Ich habe von eifrigen Lesern schon den Tipp bekommen, morgens doch früh zu gehen und nach einer feinen Siesta dann in den Abend noch mal ein Stück. das ist für mich nicht praktikabel. Früh am morgen und ab frühen Abend gehe ich nicht alleine durch Wälder – ratet warum. Also nehme ich lieber die Tageshitze in kauf und weiß mich auf menschenbelebteren Wegen sicherer unterwegs. meine Tour – meine Regeln – meine Schweißausbrüche.

Trotz und WEGEN allem habe ich diese Tour sehr genossen: seit ab auf erst stilleren Wegen das Wipptal hinauf. Erst geht es halbhohe an saftigen Maisfeldern entlang. Der Blick ist wundervoll. Es duftet überall würzig und gut, nach dem Starkregen der letzten Nacht. Mal sieht man die scheußliche Brenner-Autobahn dann verschluckt mich der Wald wieder für ein Stück und führt über abgelegene Weiden zurück auf den Asphalt.

Und da bleibt der Jakobsweg dann beharrlich drauf – auf dem Asphalt. Und es ist nicht nur der Jakobsweg heute, es ist auch die Via Romea, also der alte Römerweg. Irre, wenn ich mir vorstelle, dass Hannibal hier seinerzeit mit den Elefanten durchkam.

Es wird warm und wärmer. Und nur weil es so schön klingt, nehme ich noch eine Extra-Steigung hoch nach St. peter, dass dann überraschend unspektakuläre und vor allem mit einer leider verschlossenen Kirche aufwartet. Ich rede mir gerade gut zu, dass alles und alle Wege immer für irgendetwas gut sind, aus wenn man es nicht direkt kapiert, da komme ich in der nächsten Ortschaft an einer wirklich abenteuerlichen Werkstatt / Zeige-Raum / Installations / Geisterbahn eines Schnitzers, eines Lanvenschnitzers vorbei.

Grausige Krampus-Masken neben milden Madonnen, dazwischen allerhand Trödel – sensationell. ich entdecke zwischen all dem eine kleine Relief-Geier-Wally. Eine Geier-Wally liegt hier und hat auf mich gewartet. ich weiß es genau.

Seit vielen Jahren fasziniert mit die Person der realen Roman-Vorlage, die Tiroler Malerin Anna Knittel aus dem Lechtal und ihre Geschichte, die doch so viel mehr ist, also der kitschige Heimatfilm gleichen Titels. Ich glaube, ich werde dazu einmal ein Programm basteln – aber jetzt möchte ich erst mal diese Schnitzerei mit nach Hause nehmen – was tun? Der Herr Larvenschnitzer Norbert Danner ist leider nicht vor Ort aber ich finde eine Telefonnummer im Schaufenster.

Muss mich dann um 13 Uhr, also in der Mittagszeit ordentlich überreden, einfach anzurufen. Und der Herr Danner hebt direkt ab und ein wunderbares Gespräch nimmt seinen Lauf. Er beglückwünscht mich mehrfach: dass ich angerufen habe, dass ich mich für die Geierwally interessiere, dass ich auf Langstrecke bin, und überhaupt. ich habe nicht mehr viel Geld in meinem kleinen Wanderportemonaie, habe versäumt, am Morgen wieder „nachzulegen“. So kommt er mir preislich sehr entgegen, ich lege meine letzten beiden Scheine in seinen Briefkasten, wie abgesprochen und nehme mir dafür die Geierwally aus dem Gruselkabinett.

Lustig: bei der „franzi geht dann heim“-Tour 2023 habe ich mir bei einem Schnitzer in Oberammergau eine bildschöne und sehr filigrane Madonnenfigur gekauft und jetzt diese handfeste, irdische Geierwally.

Bin selig und gehe mit blendender Laune weiter. Sinniere noch darüber, warum mich die starke und eigenwillige Persönlichkeit so anspricht, da komme ich an einer kleinen Kapelle vorbei, gehe hinein – wie immer – singe und bewundere das Altarbild. Ein besonderes Format, ein besonderes Motiv:

Hier sind die „Drei Madel“ zentral abgebildet, also die Margarete, die Katharina und die Barbara, die in der Tradition gut als die ins Christentum überlieferten Adaptionen der alten dreifachen Göttin interpretiert werden können. Diese drei jetzt so prominent bewundern zu können – mit meiner Geierwally im Rucksack – sagt mir eindeutig, dass jetzt die Zeit der starken Frauen anbricht – anbrechen muss. Was die Jungs in den letzten paar tausend Jahren mit ihren patriarchalen Ansprüchen und Vorstellungen alles verbockt haben, müssen wir hier nicht diskutieren.

An der nächsten Ecke warten schon die nächsten Jungs – aber sehr nette. Die von der Straßenreinigung. Hier hast der gestrige Sturzregen das Wasser so über die Ufer sprudeln lassen, dass die komplette Fahrstrecke – ich berichtete von meinem Asphalt-Hatsch – dass die Fahrbahn also gründlich gereinigt werden muss. Mit viel Wasser wird da gespült – wir genießen den erfrischenden Sprüh-Spaß.

Und danach beginnt sich der Weg in der Hitze wirklich zu ziehen. Ich überlege, mit dem Bus abzukürzen, muss aber feststellen, dass ich mir dank Geierwally kein Busticket mehr leisten kann. ja , man muss Prioritäten setzen. Hab ich, kann ich.

Im nächsten Ort möchte ich mich im Gemeindezentrum erkundigen, wo der nächste Bankautomat ist und wie weit es dahin dauert. An der verschlossenen Tür darf ich feststellen, dass das Gemeindebüro hier zugunsten eines Bestattungsunternehmens weg rationalisiert wurde. Schade. Ich sehe aber eine junge Frau hinter der Scheibe, klopfe und sie öffnet mir.

Ich erzähle meine Geschichte vom fehlenden geld für die Buskatrte und frage nach der Bank. Muss wohl ziemlich hitzegeprägt ausgesehen haben. Sie ist voll Mitgefühl und erklärt mir den Weg, bietet mir ein glas Wasser an. da kommt mir spontan die Idee, hier wenigstens nach einem Stempel für mein hafte zu bitten – eine Bestatter – das ist doch genau das richtige. da muss sie ihren Chef erst mal fragen. Ein fischgesichtiger Bestattungsinstitut-Jung-Unternehmer versucht da vergeblich, weil zu spät, sein Gipsbein hinter einem wuchtigen Schreibtisch zu verbergen. ich zücke mein Heftle, erkläre mich und mein Begehr.

Da antwortet er unumwunden: „Nein. Das mach ich nicht. Der Stempel ist nur für Aufträge und Kunden.“ Ich bin perplex. Die junge Mitarbeiterin versucht die angespannte Situation aufzulösen und mir zu erklären dass der Stempel eh viel zu breit wäre für mein hefte – wahrscheinlich so breit wie der Schreibtisch-Gipsfuß. Ich packe mein Heftle wieder weg, sortiere mein sonnengedörrtes Hirn und frage höflich nach, ob er mir genauer erklären könne, welche Gefahren drohten, wenn er mir so einen Bestatterstempel in mein selbstgebasteltes Erinnerungs-Heftle stempelte.

Da schaut er mich an und sagt fischeskühl:“ Mit so einem Stempel können Betrügereien gemacht werden.“ Und schaut mich an.

Aha. jetzt bin ich also wieder so weit: jetzt sehe ich im Schweiße meines Jakob-Asphalt-Abenteuers also so schluderig aus. Vielleicht ist es auch der Burschen frisch gepflücktes Beifuß-Kraut, der an meinem Stab baumelt, oder aber die wilden Schätze, die meine Hut-Krempe zieren – in jedem Fall sehe ich also so aus, als würde ich mit einem Tiroler Bergdorf-Bestatter-Stempel das Böse diese Welt anzetteln können. So ist vielleicht die Mentalität der mancher Menschen, die in einer Gemeinde mit de namen Ellbögen leben. Meine ist es nicht.

Ebenfalls fischeskühl lasse ich ihn zum Abschied unmißverständlich wissen, was ich von ihm und seiner Entscheidung halte. Gehe raus in die Glut zurück auf den Asphalt und heule kurz.

Ich erinnere mich, dass mich bei der letzten Tour die Bäckersfrau aus Weil der Stadt ähnlich erwischt hat. Es geht also wieder um Vorurteile und voreiliges Urteilen. Ja, da braucht es starke Frauen, die entschieden und von einer unerschütterlichen Mitmenschlichkeit geleitet einfach weitermachen. Weitergehen, einfach nicht aufhören.

Und ich gehe. Gehe bis Matrei zur beschriebenen Bank. Zücke mein kleines Portemonnaie und kaufe mir mit der Plastikkarte frisches Geld. Jawoll; und mit diesem Geld dann ein Busticket zu meiner Finaldestination des heutigen Tages.

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