05 Aug. FranScorpia – Abschnitt 5: Zwischen Zugspitze – Inntal
PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Ich benutze keine KI, weder für Korrektur, noch für sonst etwas, aus Überzeugung. Am Pausentag gibt es dann eine Politur des gesamten Abschnitts. Finale Korrektur folgt zu einem späteren Zeitpunkt.
Etappe 20: Ehrwald – Gaistalalm in der Leutasch
Mit diesem neuen Abschnitt bin ich plötzlich wieder in vertrautem Terrain. Und das auch noch viel früher als gedacht. Bin jetzt auf der Alm und da ist das WLAN lahm, Bilder gibt es also später, wenn ich wieder im Tal bin …
Aber jetzt mal hübsch der Reihe nach:
Aufbruch war heute Morgen also in Ehrwald, am Fuße des Zugspitze-Massivs. Von der Tiroler Seite sieht diese Formation eindrucksvoll aus. Man merkt die Haupturlaubszeit, da schwirrelt überall eine Unruhe, viele Menschen am Weg, viele Sprachen an mein Ohr und ein bisschen zu viele Eindrücke für mein reduziertes Sein – und zu viel Hitze … noch … Morgen soll sich das ja ändern.
Also bin ich aufgebrochen, um mir königinnengleich die ersten 400 Höhenmeter per Seilbahn zu schenken. Meine Tour, meine Regeln. Ich weiß, wo meine Konditions-Grenzen sind und vor allem weiß ich, wo meine Freude- Grenzen sind. Also ab in die Touristen-Schleuse und rauf mit der Ehrwalder Almbahn. Auf der Kundentoilette strahlt mich dieses fesche Konterfei an und ich freue mich kurz, ob er mich, als Weibi hier, zum Im-Stehen-Pieseln animieren soll?
Die Aussicht ist wirklich atemberaubend schön. Der Menschenstrom, der sich hier die unterschiedlichen Bergpassagen hinaufwälzt, den kann ich gut aushalten. Zum Einen bin ich ja selbst so eine kleine Touristen-Walze – Langstrecke hin oder her: vor dem Berg sind wir alle gleich: Gäste.
Zum anderen hatte ich nach meiner kleinen Bären-Panik in der vergangenen Woche – ich berichtete im Pausentags-Resümee von Ofterschwang – da hatte ich also genau vor dieser heutigen Etappe leichte Sorge, ob ich da womöglich franzenseelenallein über den Sattel ins Leutascher Tal steigen darf. Und dem war ja nun mal überhaupt nicht so.
Auf dem ersten Abschnitt waren viele knackige Wandersleute auf den Wegen zur Steinernen Törl oder zur Rotmoosalm oder zum Coburger Haus. Ab der Pestkapelle war ich dann die Einzige – auf zwei Beinen. Irre viele Radfahrerinnen und Bikebenutzer hier heroben, Wahnsinn. Alle Altersstufen, alle Fitness-Klassen und alle E-Motoren-Stärken.
Offen und unumwunden, möchte sagen unverhohlen, gebe ich es zu: das verstehe ich nicht. Gar nicht. Überhaupt gar nicht.
Ich meinerseits gehe hier in die Berge, weil ich diese einzigartige Schönheit genießen will: Pflanzen, wie sie nur hier wachsen, Gesteinsformationen, die mich an mein kleines Menschsein gemahnen und dass diese wundervolle Schöpfung so viel mehr ist, als sich ein Menschenhirn allumfassend vorstellen kann, geschweige denn reparieren kann, wenn er dann mal all seine Stink-Bomben abgelegt hat.
Ich gehe also, um zu schauen, um zu riechen, um zu staunen, manchmal auch, um zu weinen, weil es mein Gemüth so rührt. Und dafür brauche ich Zeit. Zeit um anzuhalten, innezuhalten, mich umzuschauen, auch mal ein paar Schritte zurückgehen.
Versus Zweiradfahrende: Stöhnend in die Pedale treten und Obacht geben, dass auf Schotter rechtzeitig in den passenden Gang gewechselt wird, um sich nicht zu maulen.Außerdem hören sie nichts von den Kuhglocken, nichts vom Greifvogelruf, denn sie müssen sich ja recht lautstark über Abstandsmeter und Geschwindigkeit anbrüllen, zum Beispiel heute: über Fußball. Was für eine grobschlächtige Konversation, bleibt doch bitte unten und brüllt euch da an und lasst uns hier heroben die heilige Ruh.
Sogar die Kuhherden hüpfen aufgescheucht zur Seite, wenn sich 7 Radler an zwei tosenden Bagger-Fahrzeugen vorbei schlängeln. Was ein Glück, dass ich das mit den Kühen wieder entspannt schaffe.
Genug gemotzt, Frau Dannheim. Der Vorteil dieser vielen Mensch hier ist, dass ich mir ganz sicher keine Gedanken machen muss, ob ich ein Glöckchen zur Bären-Vorwarnung, oder eine Pfeife zur Bären-Abwehr oder einfach nur weiter Lieder singend hier sicher zur nächsten Alm komme.
Da ist noch nicht einmal das Mittagsläuten zu hören gewesen und ich erreiche die Tilfuss-Alm.
Quasi die letzten Meter Neuland dieser Etappe, um noch mal Bezug auf das vertraute Terrain vom Anfang zu nehmen.
Hier gibt es eine köstliche Speckknödelsuppe, ein Johannisbeer-Schorle und ein ausgiebiges und nettes Gespräch mit einem Radler aus der. Gegend von Augsburg. Seit über 60 Jahren ist er hier in den Bergen unterwegs. Wir fachsimpeln ein wenig über gegangene Strecken und besuchte Orte und haben beide angemessen Respekt vor dem Tun des anderen. Das bringt mich in meiner vorhin angeheizten Vorurteils-Launerei wieder hübsch auf Normal-Null. Gut, wenn wir Menschen miteinander reden, einfach nur freundlich, aufgeschlossen, neugierig und respektvoll miteinander reden. Ist das wirklich so schwer?
Hinter der Tilfuss-Alm liegt das Ganghofer Haus, also das Haus, das der Schrufsteller Ludwig Ganghofer mit samt der Jagd einstens gepachtet hatte, ausgebaut hatte, um viele Gäste empfangen zu können, um in der Abgeschiedenheit der Berge schreiben zu können. Ich glaube, ich werde mir bei nächster Gelegenheit ein Ganghofer-Werk zu Gemüte führen.
Heute lässt sich das Haus leider nicht besuchen,nes gehört natürlich dem Jagdherrn, sonheißt das. So geht das.
Und ich gehe weiter, durch einen zauberhaften Waldabschnitt – nur für Wanderer und Kühe – und erkenne endlich die Pflanze des Tages, die seit heute Morgen schon immer wieder auffällig an den Fichten prangt: die Bartflechte:
So, und jetzt kommen wir endlich ins vertraute Terrain: die Gaistalalm. Hier war ich früher oft mit meiner Familie, mit meinen Kindern. Die namensähnlichen Tierleib hüpfen hier meckernd über die Wiese und auf der großen Terrasse ist jeder Schattenplatz besetzt.
Ich setze mich also erst mal in Ruhe hinters Haus. Ich hab ja keine Eile. Ich darf hier über Nacht bleiben. Ich darf hier die liebe lange Zeit den Schwalben beim Kunstflug-Füttern zusehen, dem Schmetterling auf meinem Oberarm, den italienischen Jungs, die ihre Mutter zur Weißglut bringen – sie hat aber auch eine formidable Schimpfparade in petto – in italiano.
Ich bin jetzt über drei Wochen unterwegs, mit der heutigen Etappe 20 habe etwa 2/3 der Tour bereits geschafft, gemacht, genossen.Bin froh und dankbar, diese Idee entwickelt zu haben, gestartet zu sein und es schon bis hierher gebracht zu haben. So lange hat es jetzt gebraucht, bis mein Zeit-Gefühl und mein Franz-Gefühl wieder zusammen ticken:
Weniger schaffen, mehr schauen
Weniger hetzen, mehr Vertrauen
Öfter atmen und Abstand nehmen
Vom Trubel der Zeit
So lässt es sich …
Diesen spontanen Sinnspruch werde ich zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigen.
Jetzt bekomme ich erst mal eine kleine Hütteneinweisung vom freundlichen Hüttenwirt Nikolai und beziehe als erste das Neuner-Lage. Das bedeutet: Freie Platzwahl, hurra, Ab ans Fenster.
Und jetzt bleibt mir der liebe lange Nachmittag und Abend, zu schreiben, zu schwadronieren, Menschen zu schauen, Ziegen zu bewundern und mich daran zu erinnern, was ich mit meinen Lieben hier heroben schon für eine schöne Zeit hatte.
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