FranScorpia – Abschnitt 3: Schweiz & Bodensee

PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Ich benutze keine KI, weder für Korrektur, noch für sonst etwas, aus Überzeugung. Am Pausentag gibt es dann eine Politur des gesamten Abschnitts. Finale Korrektur folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Etappe 10: Wutachschlucht – Schattenmühle – Achdorf – 20,5 km

Die Wutach ist ein besonderer Fluss, ein ganz besonderer. Sie entspringt am Feldberg, wird auch Feldberg-Donau genannt und fließt in den Titisee. Von dort aus heißt sie erstmal Gutach und dann, nach dem nächsten Zusammenfluss „Wutach“. lese Wutach hat dann wirklich „gewütet“. Hat sich in gerade mal 20.000 Jahren so tief in die Gesteinsschichten gespült, wie ich es an den vielen informativen Tafeln am Weg nachlesen konnte.

Für mich bedeutet es aber eine besondere Reise – ich möchte fast sagen: eine Zeitreise.

Ich steige an der Schattenmühle in die Schlucht ein – und werde augenblicklich von ihrer eigenen und eigenwilligen Sphäre, Atmosphäre verschluckt. Fühle mich wie in Preußens „Krabbat“ versetzt. Die Mühle, beziehungsweise das riesige Nebengebäude ist ein rechtgroßes Gasthaus mit sicher viel Betrieb an einem Wochenende mit schönem Wetter allzumal, und als Wanderziel außerordentlich beliebt. Zu meiner frühen Morgenstunde ist noch alles still und abgeschlossen, dabei hätte ich so gern einen „Schatten-Mühlen-Stempel“ in mein Heftle.

Wieder einmal ist das Glück auf meiner Seite: Ganz am Ende öffnet sich ein Tor, als ich gerade vorne gehe und heraus kommt – vielleicht der Chef? In jedem Fall ein Mann, auf den heute sichtbar und erkennbar viel Arbeit wartet. Er hat eine ganz besondere Silber-Linie im Haar. Ähnlich wie Cäsars Lorbeerkranz verläuft eine Silberlinie durch seine dunklen Haare, hinten den Nacken hinunter, wie ein Blitz. Der silberne Blitz. Ich staune und erzähle im mein Liedchen von der Langstrecke und dem Stempel-Heftle, da werden seine Gesichtszüge kurz weicher, er nimmt mir das Hefte aus der Hand, verschwindet im Gebäude und kommt erstaunlich lange Momente später lächelnd und mit meinem Stempel-Heftle zurück und ist nach knappem Abschied verschwunden. Ich brauche ein wenig länger, bis ich alles verstaut habe, auch diesen ersten Eindruck.

Pflanze des Tages wird der nesselblättrige Glockenblume. Auffallend saftig und kräftig gedeiht sie hier und steht für den Rest des Tages, der Etappe – die mir noch etliche Stunden bescheren wird – wie eine leuchtende Wächterin am Weg:

Und dann verschluckt mich die Wutach-Schlucht. Ich werde förmlich aufgesogen und sauge meinerseits all diese Reize auf. Als ersten fällt mir der besondere Duft auf: Moos, Kräuter, Feuchte Erde – wenn ich je noch einmal ein Parfüm nutzen wollte, dass müsste es genau so duften. Das ist ein besonderes Bei-Geschenk meiner vergangenen Langstreckentouren: Seit der „Franzalpina“ im Jahr 2019 hat sich mein Geruchsempfinden verändert, und mit der „franzi geht dann heim“ noch einmal verstärkt: ich mag gar keine starken, künstlichen Düfte mehr. Weder Parfüm, noch Aftershave, Duschgel kann auch schwierig sein oder Haarwaschmittel. Ich mag Düfte, aber bitte zart und natürlich, bitte kein Axe, Poison &co.

Hier in der Wutachschlucht nun natürlichste würzige Düfte und vor allem Schatten, wie man das in einer Schlucht erwarten kann. Der Weg führt immer wieder einmal steiler hinauf und dann wieder mehrere Geschosse steil und tief hinunter ans Wasser. Eine Pflanzenwelt umgibt mich, wie es sich der Krautfranz nicht schöner wünschen kann. Es ist wirklich unberührt hier unten, Naturschutzgebiet sowieso, aber es kommt kann nix hier runter: kein Fahrrad, kein Auto, nix. noch nicht mal der Handy-Empfang. Und das ist ein Segen! Langsam gehe ich voran. das flinke Geh-Tempo der vergangene tage will sich nicht einstellen. Irgendwie lastet ein nicht unangenehmes Gewicht auf mir; als sollte ich das alles hier eben langsam und mit Bedacht erleben und genießen.

Ich lasse mich an diesem Tag also einfach entlang der Wutach flussabwärts treiben und staune. Über uralte Mammutbäume und andere Riesen am Wegesrand, auch darüber, dass manche Menschen diese Schönheit anders wahrnehmen und ihr Geschäft direkt darunter verrichten und sich noch nicht mal die Mühe machen, irgendetwas wegzuräumen. Hier noch mal kurz die Regel, wenn du draußen musst: weiter seitab ins Dickicht steigen, mit einem Stock oder Ähnliches eine kleine Mulde ausheben, tun, was getan werden muss, und das alles dann mit Erde, Blättern, Moos und Steinen sauber abdecken. Echt kein Aufwand, aber alles andere ist ekelhafte Unverschämtheit. Zeugt von fehlendem Respekt. Ich sinniere kurz über den Begriff von „Ehrfurcht“, der mir dazu einfällt und stelle fest, dass ich mich daran nicht weiter abarbeiten möchte, da ich die „Furcht“, egal ob „Ehr“ oder sonstwie, als keine gute Begleiterin erachte. Ich bleibe beim Respekt, vor Mutter Erde und all den Geschöpfen hier draußen.

Im Weiter-dahin-Stromern fällt mir auf, dass ich mich hier unten – wirklich weit weg von der banalen Alltagsrealität – viel mehr noch als Teil der Natur empfinden kann, dass Pflanzen und die Tiere hier eindeutig das Vorrecht haben und ich sie als Gast besuchen darf. Man sieht und spürt, die Schlucht ist in Bewegung: Hier ein Erdrutsch, da ein paar runter gerissene Bäume. Die Steige und Stiege, die Seilversicherten Stufen und Stege – das ist schon echt abenteuerlich und aufregend.

Und dann kommt Bad Boll, beziehungsweise das ehemalige Bad Boll. In hintersten Stübchen meines Hirnkastels ist mir der Kurort bad Boll natürlich ein Begriff, vielleicht war das sogar in meiner weitläufigen Familie mal ein Thema, aber ich bin dann doch bass erstaunt, als ich hier mitten in der gerade mal etwas weiteren aber wild zugewucherten Schlucht die Schilder und tafeln zu „ehem. Bad Boll“ entdeckte, dass hier Anfang des 20-Jahrhunderts ordentlich gekurt wurde, da dem Wasser besondere Heilkräfte zugesprochen werden – kann ich verstehen, aber das nur neben bei.

Tatsache ist, dass das mit dem Kuren hier irgendwann Mitte letzten Jahrhunderts zu Ende sind – in der Schlucht vielleicht zu viele Schatten, also Kurschatten, wer weiß… !990 hat das Land Baden-Württemberg dann beschlossen, das gebiet wieder der natur zurückzugeben. Alle Gebäude Schritt für Schritt abgetragen und Mutter Natur ihren Lauf gelassen, sensationell. Nur die Kapelle steht noch – doch selbst die ist komplett leergeräumt.

Ich muss an die zurück gelassenen Libellen-Larven-Hüllen denken, die wie leergezogene Kriegerrüstungen an Seerosenblättern haften bleiben, wenn die Libelle an einem warmen Sommertag beschließt, ihre dritte Metamorphose einzuläuten und sich aus diesem Panzer schält und als prächtige Libelle davon fliegt. Wohin ist wohl das Kapellen-Inventar geflogen?

So mäandere ich gedanklich und füßlich mit den Ufern der Wutach dahin. Denke über die Drei Dimensionen nach – hier und überhaupt. Und die vierte Dimension „Zeit“, die sich hier unten ganz anders anfühlt und auch anders vergeht.

Ich möchte eigentlich gar nicht so richtig zurück in die Realität, doch irgendwann hat es sich „ausgeschluchtst“ und der Weg spuckt mich hinauf an die Landstraße. Hier donnern Motorräder. An der Ecke steht ein Kiosk, beliebter Zwischenstop vieler Wanderer und Ausflügler.

Ich gönne mir hier eine Pause, schon auch, um mich wieder zu akklimatisieren. ich bin erschöpft. Nach einer köstlichen Orangen-Limo der Marke Libella – versteht sich von selbst nach meinem vorherigen Libellen-Exkurs – kommen die letzten 4,5 Kilometer zum heutigen Etappenziel in Achdorf. Die ziehen sich, vorbei an der Landstraße, durch Wälder und entlang von Weiden und Feldern. Sechs Störchen staksen hier in gebührendem Abstand dem Trecker auf dem Feld hinterher, da scheint einiges für sie zu finden zu sein. Selten, dass ich diese schönen und würdevollen Tiere so nah beobachten kann. Dabei kann ich eigentlich gar nicht mehr. An der letzten Biegung steht ein Kollege, mit dem ich mich gerade sehr viel enger verbunden fühle.

Ich habe für diese gut 20 Kilometer heute 9 Stunden gebraucht! NEUN Stunden?! Bitte wo ist diese Zeit geblieben? Von der Schlucht verzückt verschluckt.

Etappe 11: Achdorf – Grimmelshofen – Schaffhausen, insgesamt 18,5 km

Ich bin heute morgen frohen Mutes aufgebrochen und dachte: Herrlich, schön kühl, und die Tour ist auch entspannt, nur 17 Kilometer auf den Wutachfluren entlang. Und dann auch noch auf dem E1, der hier auch Wasser-Weltensteig heißt UND auch noch Jakobsweg!

Schon an der ersten Biegung stand da dieses Kreuz – dazu werde ich am PausenTag noch mehr schreiben. Eine spezielle Tradition, wie ich es in den letzten Tagen hier ein paar mal gesehen habe – das hätte mir heute morgen auf jeden Fall schon zu denken geben können – aber wie gesagt: später mehr.

Am Ende von Audorf schien noch alles heiter, es gab sogar einen richtigen Jakobs-Stempel in mein Heftle und dann ging es auch schon wieder in den Wald, sehr angenehm und kühl. So hätte das für mich diaganze Tour gehen können.

Dann bog mein Weg, der Wutach-Flüren-Steig vom bequemen Asphalt ab und folgendes Schild empfängt mich:

So waren sie gestern auch in der Wutach-Schlucht zu sehen, völlig berechtigt, aber absolut handelbar. Außerdem waren gestern in der Schlucht doch immer wieder Menschen unterwegs. Heute jedoch NIEMAND außer mit, UND, alle schwierige Stellen waren gestern wenigstens irgendwie seilversichert oder mit Balken gehalten. Heute: nichts dergleichen! Deutlich anspruchsvoller und deutlich unsicherer: Ein schmaler Steig, maximal breit für meine beiden Füße. Rechts Senkrechts-Abbruch in gehörige Tiefe. Links Steilwand mit Überhängen, dass es manchmal schwierig war, mit dem Rucksack vorbei zu kommen, bloß nicht wanken, bloß nicht erschrecken.

Ich bin trittsicher, ich bin schwindelfrei und ich bin steiles Gelände gewohnt, aber das hier – das war nach der 5 Kurve – Lieder singend, Mantra betend – zuviel. Das darf man nicht alleine gehen – und ich muss das schon gar nicht. Es soll doch Freude machen. Wutach, ach Wutach, da verlangst du mir noch mal einiges ab. Es ist sogar ehrlich herausfordernd, auf diesem schmalen Steig umzudrehen, ohne Schwanken, ohne Schotterabbruch und ohne am Überhang hängen zu bleiben.

Zurück am Ankündigung-Schild bin ich einfach nur froh und erleichtert und nehme den weitläufigen Umweg über die sonnige Hochebene gerne in Kauf. Leider fährt mir hier oben die „Sauschwänzle-Bahn“ direkt vor der Nase weg und so bleibt mir nichts anderes übrig, als auf dem asphaltierten Fahrradweg weiter nach Grimmelshofen zu gehen – Nomen est Omen, dazu später.

Ich bin immer noch so erleichtert, nicht mehr in dem steilen Steig zu zittern, dass ich die sengende Sonne gut tolerieren kann, obwohl ich mir zwischen den gelb-trockenen Feldern wie in einem Toaster vorkomme. Drei Birken laden zur Schattenpause ein, Blick in die Schweiz, den die Wutach ist zum teil natürlicher Grenzverlauf zwischen Deutschland und der Schweiz.

Ich steige also ab nach Grimmelshofen, möchte in einer Pause abwägen, ob ich den Rest der Tour von hier aus noch gehen möchte, immerhin noch einmal knapp 10 Kilometer und beim Blick auf die App sehe ich, dass mir der Umweg/Ausweg schon zu 12 Kilometern bis hierher verholfen hat.

Ich beschließe, in Anbetracht der steigenden Temperaturen hier in Grimmelshofen im Gasthof Wutachschlucht eine Pause einzulegen und meine Füßchen und mein Seelengewand in der Wutach abzukühlen – irgendwo werde ich hier doch sicher ans Ufer der Wutach kommen … Nix da! Sogar das verweigert mir die stolze Braut. Entweder zu steil oder Privatbesitz – nichts zu machen.

Ich bin kurz davor wütend zu werden – das war wahrscheinlich er Plan der Wutach – doch dann lenke ich ein weiteres mal für heute ein: meine Tour – meine Regeln.

Hier wird jetzt ein Strich gezogen; ich beende die Wander-Etappe leise grummelnd in Grimmelshofen und mache mich direkt motorisiert auf den Weg nach Schaffhausen, zum nächsten Etappenpunkt.

Ein Bad im schönen Rhein ist Hochgenuss, und Schaffhausen wirklich ein hübsches Städtchen. Genaueres dazu schreibe ich hier zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich freue mich schon aufs morgige Bad im klaren blaugrünen Rhein, das wird fein.

Etappe 12: Schaffhausen – Stein am Rhii, 19 km

Wie schön ist es, am morgen einfach aus dem eigenen Bettchen ins Flussbettchen vom Rhein zu rollen! Erfrischender und motivierender kann der Tag kaum beginnen. Es ist bewölkt und leichter Nieselregen angesagt, welch ein Segen.

Ich glaube, ich habe mir gestern auf der „Toaster-Strecke“ über der Wutach-Flühen-Schlucht am Rande doch einen kleinen Sonnenstich geholt. Also freue ich mich heute über Wolken und erfrischenden Niesel. Die ganze Strecke führt mich heute entlang des Rheins, oder Rhii, wie er hier liebevoll genannt wird.

Und es kommt immer besser: schon kurz nach meinem Start darf ich am Fluss mit Fährmann übersetzen! Eine imposante Glocke hängt da an der Anlegestelle und ein ebenso imposanter Schlegel und die schriftliche Aufforderung, nach dem Fährmann zu läuten. Etwas abseits sitzt eine Frau auf einer Bank und schaut, wie ich mich da an der Glocke zu schaffen mache. Sie möchte auch rüber, hat sich – nur für sich – allein aber nicht wichtig genug genommen, nach dem Fährmann zu läuten, oder hat sich nicht getraut, sagt, sie wollte noch 5 Minuten warten, ob nicht vielleicht noch jemand dazu kommt. Und das bin ich ja. Also los: ran ans Geläut!

Bis der Fährmann von drüben ankommt, sind wir in ein schönes Gespräch übers Laufen vertieft. Sie hat auch ein Lauf-Konzept: geht von Basel den Rhein hinauf bis zum Ursprung und nimmt die Zuflüsse ebenfalls mit auf. Sie läuft nicht am Stück, immer wieder weiter und alt zu hause alle Gewässer-Abschnitte rot auf eine Karten ein. Großartig. Auch eine „Wasser-Tour“. Vielleicht ist das ja wirklich so ein Frauen-Thema. Da ist der Fährmann da. Ein schmucker End-sechziger bis Mitt-Siebziger mit aufgeknöpftem Hemd bis kurz vor dem Bauchnabel und einer hübschen Auswahl an goldenen Anhängern an seiner Halskette. 

Freundlich und sicher bringt er uns ans andere Ufer. Ja tatsächlich ins Paradies. So heißt dieses Gelände ums das ehemalige Klostergut tatsächlich – und es ist paradiesisch schön. Kloster und Lokal und Hotel inzwischen alles in Privatbesitz und zum Seminarzentrum umgewidmet. Aber die angeschlossene St. Michaels Kirche, die ist offen. Schon beim Aufdrücken der schweren Eingangstür strömt mir eine heiliger Duft entgegen, dass es mich glatt zu Tränen rührt. E

Ein wunderschöner und beruhigender Ort – am Jakobs-Weg gelegen, wie meine gesamte Strecke heute. Ich umrunde das Gelände einmal, soweit es geht und ache mich dann auf. Hinter den weitläufigen Klostergarten-mauern erhebt sich ein kleiner Hügel, auf dem vier uralte Linden stehen – das kann kein Zufall sein. Dahinter erstrecken sich Sonnenblumen-Felder.Wachsen am Weg überraschend viele Esskastanien-Bäume, das alles gibt dem Landstrich hier – bereits seit gestern – eine eher französische Note.

Und wieder einmal freue ich mich, auf dieser langsamen Langstrecke, den langsamen Wandel der Landschaft aufnehmen zu können. Und auch den Wandel des Dialekt – beides ist wahrscheinlich untrennbar miteinander verwoben. Und dem widmet sich die selbsternannte Wege-Weberin sehr gern.

Für mich geht es jetzt weg von den Feldern, auf an die Ufer des Rheins. Ein wunderschöner schmaler – aber im Gegensatz zu gestern – bequemer Weg, direkt dem Ufer entlang. Und da sind sie ja wirklich locker, die Eidgenossinen und Genossen: der Weg führt am Wasser durch Privatgrundstücke, die bis ans Wasser reichen oder durch Gartenlokale, in denen aufwändig dekoriert Hochzeit gefeiert wird. Und da läuft sie, die leise schwitzende Wandersfrau mit Stock und Hut hübsch mitten durch.

Alles sehr entspannt und die Gedanken und Inspirationen können wieder weiter kreisen. Ungefähr so hoch wie die Rotmilane, die hier seit einigen Tagen wirklich viel zu sehen – und vor allem zu hören sind. Ihr lautes „Yak-yak-yak-yieeeh“ tönt weithin und mehrstimmig; noch durchdringender als die Fährmann-Glocke.

Bald passiere ich Katharinen-Tal, wieder eine riesige und wunderschöne Kloster-Anlage. Die ebenfalls umgewidmet ist: zur Reha-Klinik. Wahnsinn, an so einem Ort muss die Genesung doch doppelt so wirkungsvoll oder gut klappen. Auch hier ist die Klosterkirche, die der schwarzen Madonna zu Einsiedeln gewidmet ist, geöffnet. Große Pracht zeigt sich im Innern. Ich singe und mir wird es ganz leicht ums Herz.

Dieses Gefühl der Weite und Freiheit im Herzen, das zeigt sich als wiederkehrende Erfahrung auf dieser Tour. Davon will ich mehr – mehr mit in meinen Alltag zurücknehmen. Und so analysiere ich, unter welchen Bedingungen dieses Weite-Gefühl entsteht und was ich dafür tun kann. Und genau das ist der Punkt. Ich kann etwas, ich muss etwas dafür tun. Glück kommt nicht von selbst. Die Bedingungen dafür wollen aktiv geschaffen sein. Und bei mir bedeutet das eindeutig mehr Ruhe und Aufmerksamkeit für eine Sache gesunde Bedingungen. So viel zu diesem Zeitpunkt dazu.

Nachdem ich ein weiteres mal für heute ausgiebig gesungen habe, möchte ich auf dieser heutigen ausgewiesenen Jakobs-Pilger-Strecke so gern einen Stempel in mein Hefte haben. Weder der Fährmann am paradiesischen Bootshaus, noch die freundliche junge Frau an der Anmeldung der Reha-Klinik haben einen Stempel. Zum einen sind Stempeln einer zunehmend digitalisierten Welt am Aussterben – was ich sehr schade finde. Zum anderen wussten die beiden noch nicht mal, dass sich ihr Arbeitsplatz am Jakobs-Weg befindet. Ich habe auch nirgendwo auf der Strecke auch nur eine gelbe Muschel entdeckt. Vielleicht haben es die Helvetikerinnen und Helvetiker nicht so mit dem Pilgern in fremde Länder?

Das Gespräch, dass ich auch hier mit der netten Anmeldung-Dame entspinnt ist reizend und interessiert – wieder mache ich die Erfahrung, dass gerade Frauen oft mit einer Art sehnsuchtsvollem Interesse reagieren, wenn sie viim Hintergrund und dem Ausmaß meiner Langstrecken-Wanderei erfahren. Ich mag das. Auch mein Stab, an dem Kräuter baumeln wird oft bewundert und nach der Bedeutung der Kräuter befragt.

Kraut des Tages – und von Anbeginn an meinem Stab baumeln, ist das Eisenkraut. Ein Schutzkraut, das kann man in diesen Zeiten immer gut gebrauchen. Mehr zu meinen Tages-Pflanzen folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Weiter geht es am Rhein entlang, und bevor ich ein weiteres Mal für diesen Tag in seine Fluten steige – obwohl das Wasser wirklich arg niedrig steht – so niedrig, dass der Schiffsverkehr hier eingestellt ist – kurz vor dem ndennoch erfrischenden bad entdecke ich dieses Gedicht-Schild ein einer Bank:

Wieder muss ich allein beim Lesen dieser lieben Zeilen fast weinen. In mir keimt die Idee, das Gedicht zu vertonen. Und ab diesem Moment zündelt die Inspiration in meinem Dachstübchen:

Ich habe auch auf dieser Tour eine Ukulele dabei, eine wirklich ganz kleine, die auch locker unters Regen-Cape passen könnte. hatte sie aber bisher noch garnicht im Einsatz. Weil es einfach noch keinen Impuls gab, was oder welches Lied gespielt und gezupft werden will, außer meinem „A-Cappelle-Repertoire“ in den Kirchen und meinen „Medizin-Liedern“ bei Angst-Wegen.

Und jetzt hat mich dieses Gedicht beseelt und ich habe die Idee, entlang der gesamten, also auch der bereits zurückliegenden Strecke, traditionelle Lieder, Volks-Lieder, Heimatmelodien oder ähnliches Zu sammeln. Das soll dieses Mal der Soundtrack zur Tour werden. Spontan steh die Gerstenvier Lieder schon fest. Hach, das freut den Lieder-Franz.

Das letzte Drittel der heutigen Etappe wird dann wieder eher „toasteresque“: die Sonne schein und es geht an Feldern vorbei. Aber kulinarisch betrachtet, hat das heute einiges zu bieten:

Aprikosen, Brombeeren, Äpfel UND Spargel. Ja, Spargel. Ein großes Feld mit diesen grün ausgewachsenen, sanft im Wind wedelnden Spargel-Puscheln. Dazwischen spitzt immer mal wieder ein frisches Trieb-Stangerl hervor. Ich mache mir noch kurz Gedanken, wie streng es hier wohl mit dem Mundraub ausgelegt wird und kann mich dann nicht beherrschen. Ach was schmeckt so frisch gebrochener Spargel direkt vom Feld doch köstlich!

Frisch gestärkt fliege ich die letzten 4 Kilometer zum Etappenziel Stein am Rhein, entlang von riesigen und betörend duftenden Luzernen-Feldern. Wo ich doch grad in der Schweiz bin: Hat diese Pflanze eigentlich etwas mit der schönen Stadt am Vierwaldstädter See zu tun?

Etappe 13: Bodensee / Konstanz – Bregenz

Da bin ich heute Morgen also aufs Böötle gestiegen, um königinnengleich diese kommenden 4 Wander-Etappen auf einen Rutsch übers Wasser zu gleiten. Und ich habe mich auf genau diese kühne Version von „Meine Tour – meine Regeln“ richtig gefreut.

Trotz erstem morgendlichem Kaffee und Schwimmen ist das mit der Freude und der Stimmung aber eine andere Sache geworden: mit Verzögerung kam in meiner heiteren Pilgerinnen-Blase die aktuellen Nachrichten an. Was in Berlin geschehen ist, bedrückt mich zutiefst. Mit meinen Gedanken bin ich bei den Opfern und ihren Angehörigen und bei allen, für die dies nun ein weiteres grausames Signal des Rückschritts aus unserer liberalen, toleranten, demokratischen und friedliebenden Gesellschaft bedeutet.

Bezeichnender Weise bewege ich mich gerade – wenn auch passiv – auf dem Wasser, während ich diese Zeilen schreibe. Um meine Gedanken und meine Gefühle zu sortieren, lasse ich sie fließen – wie Wasser, denn Wasser hat Kraft und kommt überall hin. Wer einmal eine Schlucht durchschritten hat, weiß um die unerbittliche Kraft fließenden Wassers. Und hier fließt – bei aller Breite des Sees, der Rhein. Dies wird heute dann also ein Wanderbericht durch die Seelenlandschaft. – auf dem See.

Vorbei ist die Zeit, in der wir unbeschwert einer heiteren Zukunft entgegen blicken konnten. Und es geht uns hier, in diesemTeil Europas vergleichsweise gut, sehr gut sogar. Das sehen nicht alle so.

Mir fehlt ein umfassendes Wissen, ein geschulter Blick auf die derzeitigen politischen Entwicklungen in ihren vielschichtigen Zusammenhängen. Matthias Brandt hat es in seinem Buch „Nein sagen“ und auch in seiner Ansprache zum 20.7.1944 auf den Punkt gebracht. Dem kann ich mich nur vollumfänglich anschließen und danken, dass er in seiner bedachten und umsichtig behutsamen Art diese klaren Worte für eine klare Haltung gefunden und uns mitgeteilt hat.

Ich bin ein Mensch, ich liebe das Leben, ich liebe es, auf dieser Erde zu sein und ich bin neugierig und weltoffen, menschenzugewandt und habe ein gesundes Gerechtigkeit-Empfinden und ein starkes Freiheit-Bedürfniss.

Vorbei ist die Zeit, dies als gegeben & geschenkt zu genießen.

Ich bin zu tiefst davon überzeugt, dass all das, was wir da draußen in der Welt sehen und erleben, ein Spiegel unserer Innenwelt ist. Da höre ich natürlich sofort das Gekrächze über meine vermeintlich naive, schönmalerische, „esoterische“, weltfremde Einhorn-Mentalität. Ja und? Meine These wäre damit bestätigt.

Ich will in einer Welt des Miteinander leben, in der jede und jeder lieben und leben kann, wie er es für sich und das Wohl der Welt für richtig hält. In der die eigenen Bedürfnisse hinter dem Wohl der Erde & der Natur angestellt werden. Dieser Wunsch scheint in dieser aktuell an so vielen Ecken und Enden brennenden Welt weniger Platz zu haben.

Also will auch ich jetzt aufstehen und Nein sagen. Nein sagen zu Hass und Spaltung, Nein sagen zu Pessimismus und Verantwortungslosigkeit, Nein sagen zu Fremdschuldzuweisungen und falscher Opfer-Mentalität.

Mein Ziel ist und bleibt, offen zu bleiben, all den Geschichten am Weg aufmerksam zu lauschen, will Verbindungen schaffen und mit meinem Tun und Lieben anderen Inspiration für einen Weg des Miteinander zu sein. Will meine Kraft auf das Verbindende und Konstruktive ausrichten. Nicht mehr und nicht weniger. Und wie ich das GENAU und im Detail angehen kann und werde, wird der Weg zeigen. Der Weg des Wassers.

So fahre ich nun weiter mit dem Boot übers Schwäbische Meer und gehe im Anschluss weiter meinen Weg, meine FranScorpia-Tour entlang diverser Orte und Stationen, die mich mit meinen Vorfahren aus der Familien-Linie meiner Mutter verbinden. Verbindlich will ich Wege suchen und finden, meine Gaben zum Wohl dieser schönen Erde einzusetzen. Bei und mit aller Naivität, die da mitschwingen will.

Es gibt keine Alternative mehr, denn Angst ist die schlechteste Begleitung. Ich wähle Hoffnung, Zuversicht und Aufrichtigkeit. Nur wer kriecht, stolpert nicht.

Hier folgt die angekündigte Abendbilanz:

In Bregenz angekommen hatte ich kaum ein Auge und wenig Geduld für den pittoresken Ort. Festspiel-Gelände vom Ufer aus gesehen und dann den berg hinauf bis zur Pfarrkirche St Gallus. Und dann war für heute genug mit Menschen und Gesellschaft, Konsum und Pi-Pa-Po.

Bin weiter gezogen, in die Ruhe der Vorarlberger Landschaft. Möchte weiter zur Ruhe kommen.

Gute Entscheidung. Gute Nacht.

Etappe 14: Alberschwende – Hittisau / Balderschwang, 17 km

Es war so eine gute Entscheidung, Bregenz gestern Abend noch zu verlassen und ins höher gelegene Hinterland zu fahren: Es war angenehm kühl in der Nacht in Alberschwende.

Um kurz nach drei Uhr, heute morgen in der sehr Früh scheint der Mond und ich drehe mich gerne noch einmal um. Doch allzu lange lässt mich der Schlaf nicht in Ruhe. Ich bin gespannt auf den Weg heute. Denn jetzt bewege ich mich wieder in bekanntere Gefilde. Die Nagelfluh-Kette erwartet mich heute.

Mit ihr durfte ich 2018 die Bekanntschaft machen. Der Abschluss meiner Ethno-Medizin-Ausbildung ging über eine Woche im schönen Oberstaufen, inklusive Exkursion mit der einzigartigen Bärbel Bentele. 2019 bin ich dann genau da, also von Oberstaufen aus auf dem E5 über Bozen bis nach Verona gegangen. Außerdem führt der E4, also der Europäische Fernwanderweg Nummer 4 genau hier entlang UND der ist hier gleichzeitig der Maximilians-Weg den ich 2023 auf meiner „franzi geht dann heim“-Tour unter anderen genommen habe.

Es fühlt sich also alles ein bisschen so an, als könnte ich mit diese Tour, nicht nur mit dieser Etappe, einen Kreis vollends schließen, „den Sack“ vielleicht ein Stück weit zu machen – auch wenn ich gerade keine Ahnung habe, was in diesem Sack drin sein soll – außer unzählig viele wunderschöne Momente, beglückende Begegnungen, erhebende Aussichten und geschaffte Herausforderungen. Ich sage jetzt einfach schon mal danke.

Die heutige Etappe nach Hittisau ist nicht so lange und scheint auch keine größeren Herausforderungen mit sich zu bringen, außer Sonne und Hitze. Und so wird es eine wunderschöne Tour, ohne Hadern, ohne Zwischenfälle – ich durchquere zum ersten mal auf dieser ganzen Tour eine Kuhweide, stolze schöne Kühe mit prächtigen Hörnern – das sieht man auch nicht mehr oft – und ich habe nicht einen Funken von Unsicherheit oder Angst. Mein Kirsch-Wanderstab ist aber auch eine Autorität.

Hinter mir liegt der Bodensee, ich steige also aus der Ebene hinauf, durch Wälder, über Weiden, vorbei an Apfelbäumen – unter denen eine besonders angenehme Kühle herrscht. Und dann erhebt sie sich, die Nagelfluh und ich blicke in die Alpen. Jessas – es ist wirklich arg schön dieses Vorarlberg-Gebiet.

In Hittisau angekommen hat mir die Hitze auf dem letzten weg Asphalt dann doch arg zu schaffen gemacht, und s gab es beim Bäckerei-Café am Kirchplatz – natürlich nach kühlendem Kirchenbesuch nebst Gesang, eine „Eis-Schoki“.

Ich lausche den drei Damen am Nebentisch, wie sie sich über die aktuellen Gesundheitsämter-Themen jeder einzelnen akribisch und en Detail austauschen – inhaltlich tatsächlich mehr Details, als mein unbelasteter Eis-Schoki-Genuss verträgt, doch der Klang ihrer Sprache, ihres Dialekts, macht es mehr als wett. Es ist eben noch ein Hauch vom Schweizer-Bodensee dabei, aber auch schon eine Vorahnung auf’s Tirolerische und dieses urschwäbisch der Allgäuer ist auch in der Melange.

Meine Idee zum Wander-Liederbuch der Landstriche und Dialekte nimmt weiter wage Formen an.

Nun gibt es eine spontane Plan-Änderung, denn in Hittisau ist keine Übernachtung möglich. Also wird mit dem Bus „gecheatet“. Klein Walsertal kling aber auch verlockend. Meine Tour – meine Regeln! Und das war die beste Entscheidung!

Nach einem ohnehin schon sehr schönen Tag, warten zwei weitere Krönungen. Zuerst komme ich unverhofft an einen Franziskus Kapelle vorbei und will natürlich hinein – der Namens-Bruder verpflichtet. Doch merke ich schnell, dass hier eine Handvoll Menschen in tiefe Anbetung und Kontemplation versunken ist, da will ich nicht stören. Außerdem bin ich irritiert, da hochprofessionelles Film-Equipment fest installiert ist, um Predigten oder Giottesdienste aufzuzeichen oder zu übertragen.

Ich schleiche mich irritiert nach draußen, da unterhalten sich drei Menschen und ich habe das dringende Gefühl, hier vielleicht doch noch an einen Stempel für mein Heftle zu kommen. Und ich bekomme so viel mehr. Vor mir steht nämlich eine Mitarbeiterin des Radio Horeb, der deutschen Version des erfolgreichen, italienischen Sender-Formats „Radio Maria“. Und wir gehen zu viert ins Radio-Gebäude. Dort treffen wir noch auf den Geschäftsführer von Radio Horeb:

Peter Sonneborn nimmt sich viel Zeit für mich, geht mit mir extra nach draußen. Von ihm erfahre ich viel über Entstehung und Konstrukt des Senders, spüre die Begeisterung und erhalte bildreiche Erklärungen auf all meine Fragen zum Ort, zur Tradition und erfahre auch, warum Balderschwang früher Bayrisch Sibirien genannt wurde: Hier waren die Winter eben nicht nur arg lang, hier, ins hinterletzte Tal wurde man halt auch mal hin versetzt, wenn es eine Abstrafung sein sollte.

Ich erzähle von meiner Tour und meiner Verbindung zu Franziskus und so vergeht die Zeit wie im Flug, bis die nette Mitarbeiterin mit meinem Heftle und frischem Stempel zu uns nach draußen kommt. Ich schlage alle reizenden Angebote , wie Radio-Sender-Führung und anderes höflich aber bestimmt ab, die verschwitzte Wandersfrau ist nicht wirklich gesellschaftsfähig. Wir verabschieden uns uns und irgendwie habe ich das dringende Gefühl, hier nicht zum letzten Mal gewesen zu sein. On va voir.

Nach einer ebenso nötigen, wie erfrischenden Dusche geht es zum Abendvesper noch zur entzückenden und fußläufig gelegenen Lenze-Alp, die vom Ehepaar Marika und Jürgen Wachter betrieben wird. Dreizehn Ziegen und eine Kuh wohnen hier ebenso und deren Milch wird von Marika zu köstlichem Käse verarbeitet. Das Vesperbrettle ist eine Wucht. Über den Zaun kann ich Jürgen beim Hantieren mit dem Melkgeschirr zuschauen. Jeder Handgriff ist in präziser Ruhe, alle Vorrichtungen und Vorkehrungen bestens aufeinander abgestimmt. Alles unglaublich sauber, seine Handbewegungen erinnern eher an die eines Uhrmachers als an die eines Bauern oder Älplers.

Nun sind keine weiteren Gäste mehr da. Marika nimmt kein Blatt vor den Mund, hinterfragt meine Fragen auf Gehalt und Aufrichtigkeit.Wohltuende Schärfe. Als ich ihr erzähle, dass ich Lieder und Gedichte der Orte meiner Wanderung sammeln möchte und frage, ob sie mit ein Lied von Balderschwang sagen könnte, das denkt sie eine weile hin und her und sagt dann: „das Schönste ist vom Jürgen“. Darauf verschwindet sie und kommt kurz darauf mit ihrem Jürgen und der Gitarre umgehängt zurück. Was jetzt kommt ist eigentlich zu schön um wirklich wahr zu sein:

Die beiden heben an zu singen, sie spielt die Gitarre dazu. Feinst aufeinander abgestimmte Zweistimmigkeit. So uhrmacherzart Jürgens Handbewegungen beim Melken sind, so sanft und hell ist seine Stimme. Wie sie das ihr Tal besingen, die Schönheit der Natur, die Geschenke Gottes und die Gnade ihres Lebens hier – das ist ihr Lied, ihr Land, ihr Leben. So schön und verbunden.

Wir sind uns eáuf eine besondere Art einig, dass es nötig ist, dass es Menschen gibt, wie uns, die das Schöne in die Welt raustragen, egal ob köstlicher Käse oder berührende Musik.

Ich bin – wieder einmal – zur rechten Zeit am rechten Ort. danke.

Etappe 15: Balderschwang – Staufer Haus: 15,5 km

Mein Aufbruch heute Morgen war etwas zögerlich. Irgendwie hatte ich Manschetten vor dieser ersten wirklich alpinen Etappe. Viele belächeln die Allgäuer Alpen als nette Vorstufe zu den bayrischen Alpen. Die sollen bitte ein Mal von Balderschwang zum Staufer Haus gehen!

Aber halt – hübsch der Reihe nach:

Ich bin also entlang der Bolgenach aufgebrochen und hab am Weg auf Infoschildern wieder Neues erfahren, nämlich, dass diese schöne Bolgenach irgendwann in Weißenbach in den Lech fließen wird. Diese Flussläufe, diese Wasserverläufe sind auf dieser Tour die stärkeren oder vordergründigeren Begleiterinnen.

Warum steige ich dann heute über zwei Bergrücken -weit mehr als 1000 Meter Aufstieg, in voller Sonne und bei anständiger Hitze. Selbst gewählt, kein Mitleid!

Der absolut eindringlichen Anstiegs-Beginn macht mein Besuch bei der 2000 jährigen Eibe. Wer erinnert sich noch an die „Tanne vom Manne“- Geschichte zwischen Wolfach und Bad Rippoldsau?

Heute also „Eibe fürs Weibe“. Ich kann es mir eigentlich kaum vorstellen, dass dieser Wald verwachsene Baum keimte, als an Jesus Christus, den katholischen Glauben oder  Radio Horeb, also Maria, noch niemand auch nur einen Gedanken verschwendet hat. Die Orts- und Flurnamen, auch die Gipfel zeugen noch von dieser Zeit.

Auf meinem weiteren, ehrlich strammen Aufstieg sehe ich ein Schild, dass das hier der Sonnenhang ist, und irgendwie reimt es sich in meinem Hirn zusammen: Balderschwang und Sonnenhang … ist das hier Baldurs Wange? Baldur, der schöne, der strahlende Sonnenvertreter unserer keltischen Vorfahren, dieser Baldur strahlt also am Sonnenhang.

Pflanze des Tages wird das wilde Wildröschen, mitbund ohne Schlaafäpfelchen, also diesen fusseligen Bällchen, als ehemalige Insektenkinderstube. 

Und dann wird es spannend: schon von Weitem höre ich zwei Älpler, wie sie eine recht große Kuhherde von einem Hang zum andern treiben. Diese Aufregung will ich nicht weiter anheizen, gehe seitab und schaffe es doch glatt, vom Weg abzukommen und diesen schmalen Tritt vor lauter Kuhhatsch nicht wiederzufinden. Die Komoot-App tanzt Lambada und lässt mich in doppelter Spirale am steilen sonnigen Hang der Aufstieg eine Extra-Runde einlegen.

Steil geht es weiter und ich bin nicht sicher, ob ich mir dafür gratulieren soll, dass ich die Wegführung im Vorfeld nicht  genauer studiert habe, denn jetzt warten stahlseilversicherte Passagen, deren Steighöhe ich zum Teil nur mit Mühe schaffe. Aber ich schaffe sie. Und wie heißt der Gipfel, auf den dieser Weg zielt? „Heidenkopf“. Da hat der Baldur samt seiner Sonnenwange keine weiteren Fragen.

Ich lasse den Gipfel aus und ziehe links weiter meines eh schon spektakulären Aussichts-Weges. Langsam reiften mir der Gedanke, viel mehr das Gefühl, dass ich keinenGipfel, keine Hochalpinen Abenteuer mit Fernblick mehr brauche. Ich will fortan lieber an den Wassern und durch die schönen Lande gehen. Das hat sich in meinem Unterbewusstsein heute Früh vielleicht schon formiert und jetzt zeigten sich – in aller Schönheit und in alles Anstrengung. Menschenskind, ich bin jetzt 56 Jahre alt, wo will ich denn noch hin? Ankommen, das wär schön.

Ich denke viel über die Worte und Ansagen von Marika gestern auf der Lenzenalpe nach: Sie spricht ungeschönt und in wuchtiger Klarheit von ihren Wurzeln, ihrem Land, ihrer Idee, dazubleiben, um das Schöne zu erhalten, in Bescheidenheit geübt und mit großer innerer Strahlkraft, bewundernswert. „In Amerika hab ich nichts zu zechen und nichts verloren – merksch was? Nichts zu suchen und auch nichts verloren.“ 

Stimmt, ich auch nicht. Trotzdem fühle ich mich neben ihr viel mehr wie eine Nomadin, vom Schönbuch nach Stuttgart und nun langzeitwohnverhaftet im Ruhrgebiet. Aber verbunden mit einer Scholle fühle ich mich nicht. Vielleicht passt da das Bild vom „Wege-Weben“ und „Brücken-Bauen“ als Lebenskonzept.

Dann hört das philosophisch-persönliche Gedankenkreiseln auf, es ist zu heiß und zu steil. Ich meditiere, einen Fuß vor den anderen setzend, „Ich bin mein Atem“. Zuerst auf zwei Zähleinheiten, dann auf eine und bald nur noch „Ich bin“.

Irgendwann fallen mir rotgeflügelte Heuschrecken auf. Sie können nicht nur springen, sondern auch fliegen – mit Feuer roten Flügeln und dazu machen sie ein kratzendes Geräusch – wahrscheinlich schieres Rumgebalze in der Sonnenglut. Gern würde ich den Heuschreckenflüsterer Sebastian aus dem Schwarzwald fragen, um welchen „Beißer“ es sich hier handelt.

Die Aussicht wird immer spektakulärer: Ich schaue tatsächlich bin über den Bodensee und den Weg der hinter mir liegt.

Da fällt mich auf, dass ich mit dieser Tour nun – im wahrsten Sinne des Wortes – Bergfest feiere, also: etwa die Hälfte der geplanten Etappen ist nun gelaufen. Bezeichnend, dass ich diese Halbzeit hoch droben auf dem Berg sitze, und dann ist auch noch Vollmond. Höhepunkt des Zyklus. Ab übermorgen nimmt der Mond wieder ab – würde ich auch gern, klappt aber nur so mäßig. 

Ab morgen Nachmittag steige ich also wieder ab, hinunter ins Tal und werde meine kommenden Etappen sicher etwas durchdachter an Wasserrouten entlang planen.

Bilanzierend kann ich jetzt schon sagen, dass ich mir meine zeitweilige Kuh-Angst wirklich erfolgreich abtrainiert habe. Heute ging es mehrfach mitten durch große Herden hindurch. ich liebe ihr Läuten. Das erinnert mich an den Schliersee und beruhigt die tiefliegenden Schichten des kleinen Wanderfranz.

Auch wenn nicht besonders viele Menschen heute am Weg waren, wage ich doch eine kleine Beobachtung: es gab für mich heute schon ein unterschiedliches Wanderverhalten zwischen Männern und Frauen hier in der Hitze-Herausforderung zu beobachten. Frauen gehen eher nach innen, versuchen sich vielleicht zu bündeln. Und Männer schreite eher aus, als wollten sie die Chose eben bezwingen. 

Die absolute Krönung war, als ich eben mal wieder eine der raren Schatten-Plätzchen nutzte, um mein köstliches Alp-Käse-Vesper von der Lenzenalpe zu verputzen. Danke Marika, du käst wirklich hervorragend! Da saß ich also und eine Dreier-Gruppe kam angeschwitzt, angeführt von einem gut gehaltenen und oberkörperfreien End-Sechziger. Der legt extra noch mal einen Zacken zu, als er an mir vorbeirauscht und raunt: „ Na, machste schon schlapp – war nur Spaß …“ Ich weiß nicht, was daran spaßig sein könnte. Motivation geht anders. Ironie verstehe ich immer weniger, hab auch keine Lust mehr auf Dekodieren. So beschließe ich – ganz gegen meine Art – einfach garnicht zu reagieren und kaue genüsslich weiter – bei perfekter Fernsicht.

Der letzte, weiterhin ansteigende Abschnitt zur Hochgrath-Bahn zieht sich, der 10 Minuten Absstieg zum Staufer Haus ebenfalls. 

Kaum bin ich da, ist alles schön. So nettes Personal, ein Bettchen für mich im hübschen Dreierzimmer. Und eine große Alp-Blumen- Limo, da freut sich der Kräuterfranz.

Der dramatische Wassermangel hat auch hier oben nun dazu geführt, dass die Duschen seit genau heute gesperrt sind, also Katzenwäsche – wie passend, dass meine Schlafkammer den Namen „Katzenbuckel“ trägt, da werde ich mich sicher bald hochbuckeln.

Noch genieße ich die Aussicht von der Terrasse, der Bodensee strahlt nun in der Abendsonne, Baldur lässt grüßen.

Mir fällt ein, dass genau hier vor ziemlich genau 7 Jahren meine „Franzalpina“ startete, meine erste Alleingängerinnen-Langstrecken-Tour. Ich schaue zurück und stelle fest, dass ich doch einiges an Erfahrungen habe sammeln können, was mir heute eine andere Selbstverständlichkeit, eine andere Sicherheit und Versiertheit beschert. Es ist gut, sich ab und an daran zu erinnern.

Jetzt noch eine ordentliche Portion Magnesium ist sicher auch gut. Gute Nacht.

Etappe 16: Staufer Haus – Oberstaufen / Ofterschwang

In so einem Berghütten-mehrbett-Zimmer fängt der Tag meist noch ein wenig früher an, also für mich. ich schlage um 5:30 Uhr die Augen auf – und bin wach! Die Nacht war ruhig, dank absolut gesitteter Hütten-Gäste: 22. 00 Uhr Bettruhe, bumsfallera.

Dann zieht da das kupfergoldene Morgendämmerung hinterm Berg auf, ich höre die Kuhglocken – und bin einfach glücklich! EinWuseln und Kuscheln, ein Huschen und klappern beginnt dann langsam in allen Lagern und Betten – Schneewittchen, wer hat an meinem Rucksack genestelt? Herrlich.

Um 7 Uhr sitzen dann alle im Frühstücksraum – bis auf die zwei Männer, die schon um 5.30 Uhr aufgebrochen sind, um den langen Weg über die ganze Gipfelreihe der Nagelfluh trotz der heutigen Hitze zu schaffen.

Ich habe mir das abgeschminkt. Meine Tour gestern von Balderschwang über den Heidenkopf zum Hochgrath – das war mein persönliches Bergfest. Und so habe ich gnädig mit mir, meinen Haxen und meiner Hitzebeständigkeit kurzerhand ein neues Tagesziel vereinbart: Es geht einfach nur den Berg runter nach Oberstaufen, also zur Talstation der Hochgrath-Bahn.

Ich könnte das ganz Eleganz auch mit der Gondel absolvieren, aber nein. Dazu ist mir dieses Staufer haus viel zu lieb und wertvoll. Hier hat ja vor 7 jähren meine Alpenüberquerung begonnen. Damals bin ich mit dem Zug am Morgen aus Stuttgart angereist und dann aus Respekt vor der ersten Etappe, nämlich der Gipfelkette, mit der Gondel hochgefahren. Dieses Mal bin ich von Stuttgart hergeLAUFEN und von hinten über Gipfel,Tal,Gipfel hergekommen. Da ist es ich nur billig und recht, diese Schlaufe würdevoll zuschließen, indem ich zu fuß nun zur Talstation absteige.

Ein schotterig, teils wüster Abstieg, aber noch recht viel im Schatten und ich danke mir ungefähr 836 Mal, dass ich mich NICHT oben über die Gipfelkette geschickt habe.

Unterwegs treffe ich auf die dauergenervte Jungmutter, die dank ihres etwa 5 Jahre alten Sohnes gestern schon die Hüttenterrasse beschallt hat, mit ihrer permanenten Nörgelei, was er gefälligst alles unterlassen soll, oder aber unbedingt endlich machen soll alles nicht machen soll, und er, der mit blitzenden Augen alles ausgelotet hat, um seine Mutter zur nächsten Motzattacke zu zwingen. Familienkonstellationen lassen sich von außen und vor allem mit dieser herrlichen Weitsicht ganz anders betrachten.

Dieses „Trouble-Double“ ist nun also schon weithin am Weg zu hören und ich kann mich nicht entscheiden, wem mein größerer Mitgefühls-Anteil gilt: ihm, dem kleinen Kerl, der eine dauergenervte Knatsch-Mutter an der Nase herum führen muss, oder sie, die mit einem wirklich linkischen Blag gestraft ist – aber halt, jetzt wird sie unfair, die Dannheimerin. Achte mal lieber auf deine eigenen Baustellen! Zum Beispiel: im Schotterweg abwärts nicht abrutschen.

Ein Höhepunkt dieses Abstiegs ist, dass ich an einer weiteren Ur-Eibe entlang komme. Sie soll 1000 bis 1500 jähre „jung“ sein, also etwas weniger auf dem Buckel, als die gestrige Eibe am Sonnenhang von Balderschwang. das scheint hier ja ein besonders günstiges Klima für die Eiben-Weiber zu sein. Und ich habe Glück: auf diesem Abschnitt der Weiden ist gerade keine Kuherde unterwegs, also kann ich mich diesem altehrwürdigen Wesen bis zum Zaun hin nähern. Wahrlich erhebend. Die Atmosphere um Eiben ist immer eine besondere. Immer irgendwie verschüttet, auch im übertragenen Sinn. Kein Wunder, dass sie der Totenbaum, der Ahnenbaum ist und so häufig auf Friedhöfen zu finden.

Auch sie umrunde ich sonnenläufig ein Mal und singe ihr ein Lied und bedanke mich, dass dieser besondere Abschnitt nun von zwei Eiben „bewacht“ worden ist.

Im Absteigen fällt mir wieder meine Idee der „Landschafts-Lieder-Sammlung“ ein, also dass ich Volkslieder aus den jeweiligen Gegenden sammeln und zusammentragen wollte. Immer noch hallt mir Marika von der Lenzen Alpes schroffe und herzensrichtige Ansage im Kopf: „Du komsch nid vo do. Du kohsch des id senga.“ Und da hat sie wohl recht. Viel mehr recht, als mir nach jeder dusseligen Diskussion über kulturelle Aneignung recht sein kann. Aber ich spüre. Und was passiert da? Erst eine Melodie, danneine erste Zeile und 450 Höhenmeter tiefer ist mein „Lied vom Staufer Haus“ fertig. Ich kann nämlich wohl übers Land singen, genau so wie ich es fühl, herrje ist das schön. Und dann bin ich auch schon unten, auf der Herdplatte von Schotterparkplatz vor der Hochgrathbahn.

Ich bin jetzt 7 Etappen am Stück unterwegs gewesen – dringend Zeit für eine Pause, egal, wie die Wetterprognosen ab übermorgen aussehen. Dannheim braucht Pause. Gute Nacht.

Resümee am Pausentag in Ofterschwang

Dieser Tag Pause war jetzt wohl doch einen Tag überfällig. Ich sehne mich nach nichts, also nichts Tun – null – nada, vor allem bitte keine Sonne.

Dieser letze Anti-Sunshine-Wunsch wird mir erst mal nicht erfüllt. Nach einem zugegeben sehr schönen Sonnen-Aufgang steigt die Temperatur selbst hier auf ca. 900 m über Meeres-Null schnell an.

Mein Hirn ist etwas überdreht; rein aus dem Kopf heraus kann ich die Etappen der letzten Tage nicht mehr vollständig mit Namen und Ereignissen hintereinander ketteln.

Was sehr schön klappt ist, das gestern entspannenden „Lied vom Staufer Haus“ aufzuschreiben und zu vertonen. Ukulele parat.

Später gab es reizenden „Familien-Besuch“ und gemeinsame Kaiserschmarren-Fiesta auf der Wurzelhütte. Der ehemalige Besitzer von ca. 1930 muss ein ausgezeichneter Schütze und Jäger gewesen sein: etliche seine Opfer hängen präpariert an den Wänden, dazwischen die hübsch bemalten Sieges-Scheiben. Da hatte ich blöder Weise die Kamera nicht dabei.

Später widme ich den Blog-Nacharbeiten, um mich im Schreiben weiter zu sortieren. Was da widerum auch nicht klappt ist, die Bilder der letzte Tage einzufügen. Irgendwie will die Technik nicht und ich habe auf intensivere Recherche dazu heute überhaupt keinen Nerv. Also bleibt es eben erstmal bilderlos.

(Bildernachtrag erfolgte am 4.8., dem darauf folgenden Pausentag am Fuße der Zugspitze)

Außerdem habe ich heute – wieder mal mit ein paar Tagen Verspätung – von der potentiellen Bären-Sichtung hier im Allgäu erfahren. Gut, heute weiß man, das der Kackhaufen, den sie da vor 9 Tagen gesichtet haben, wohl doch von einem Dachs stammt. Aber in Vorarlberg, also da, wo ich vor 3 Tagen duschspaziert bin, da haben die Wildkameras ganz eindeutig einen oder ein paar hübsche Pelz-Petze vor die Linse bekommen.

Was tue ich hier eigentlich – und warum? Diese Frage beschäftigt mich gerade arg. Konfrontations-Therapie mit meinen höchst eigenen Ängsten? Darauf habe ich eigentlich keine Lust mehr. Dazu habe ich keine Kraft mehr. Über weite Strecken durch einsame Wald-Abschnitte und Berggebiete ALLEINE gehen, das löst bei mir gerade mehr Furcht als Vorfreude aus.

Also werde ich die kommenden Etappen dem anpassen. Wie genau, das entscheide ich später.

Jetzt genieße ich das lang ersehnte Regengeprassel – und sitze sicher im Trockenen.

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