24 Juli FranScorpia – Abschnitt 3: Richtung Schweiz
PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Ich benutze keine KI, weder für Korrektur, noch für sonst etwas, aus Überzeugung. Am Pausentag gibt es dann die Politur des gesamten Abschnitts in absteigender Reihenfolge.
Etappe 11: Achdorf – Grimmelshofen – Schaffhausen, insgesamt 18,5 km
Ich bin heute morgen frohen Mutes aufgebrochen und dachte: Herrlich, schön kühl, und die Tour ist auch entspannt, nur 17 Kilometer auf den Wutachfluren entlang. Und dann auch noch auf dem E1, der hier auch Wasser-Weltensteig heißt UND auch noch Jakobsweg!

Schon an der ersten Biegung stand da dieses Kreuz – dazu werde ich am PausenTag noch mehr schreiben. Eine spezielle Tradition, wie ich es in den letzten Tagen hier ein paar mal gesehen habe – das hätte mir heute morgen auf jeden Fall schon zu denken geben können – aber wie gesagt: später mehr.

Am Ende von Audorf schien noch alles heiter, es gab sogar einen richtigen Jakobs-Stempel in mein Heftle und dann ging es auch schon wieder in den Wald, sehr angenehm und kühl. So hätte das für mich diaganze Tour gehen können.
Dann bog mein Weg, der Wutach-Flüren-Steig vom bequemen Asphalt ab und folgendes Schild empfängt mich:

So waren sie gestern auch in der Wutach-Schlucht zu sehen, völlig berechtigt, aber absolut handelbar. Außerdem waren gestern in der Schlucht doch immer wieder Menschen unterwegs. Heute jedoch NIEMAND außer mit, UND, alle schwierige Stellen waren gestern wenigstens irgendwie seilversichert oder mit Balken gehalten. Heute: nichts dergleichen! Deutlich anspruchsvoller und deutlich unsicherer: Ein schmaler Steig, maximal breit für meine beiden Füße. Rechts Senkrechts-Abbruch in gehörige Tiefe. Links Steilwand mit Überhängen, dass es manchmal schwierig war, mit dem Rucksack vorbei zu kommen, bloß nicht wanken, bloß nicht erschrecken.

Ich bin trittsicher, ich bin schwindelfrei und ich bin steiles Gelände gewohnt, aber das hier – das war nach der 5 Kurve – Lieder singend, Mantra betend – zuviel. Das darf man nicht alleine gehen – und ich muss das schon gar nicht. Es soll doch Freude machen. Wutach, ach Wutach, da verlangst du mir noch mal einiges ab. Es ist sogar ehrlich herausfordernd, auf diesem schmalen Steig umzudrehen, ohne Schwanken, ohne Schotterabbruch und ohne am Überhang hängen zu bleiben.
Zurück am Ankündigung-Schild bin ich einfach nur froh und erleichtert und nehme den weitläufigen Umweg über die sonnige Hochebene gerne in Kauf. Leider fährt mir hier oben die „Sauschwänzle-Bahn“ direkt vor der Nase weg und so bleibt mir nichts anderes übrig, als auf dem asphaltierten Fahrradweg weiter nach Grimmelshofen zu gehen – Nomen est Omen, dazu später.

Ich bin immer noch so erleichtert, nicht mehr in dem steilen Steig zu zittern, dass ich die sengende Sonne gut tolerieren kann, obwohl ich mir zwischen den gelb-trockenen Feldern wie in einem Toaster vorkomme. Drei Birken laden zur Schattenpause ein, Blick in die Schweiz, den die Wutach ist zum teil natürlicher Grenzverlauf zwischen Deutschland und der Schweiz.

Ich steige also ab nach Grimmelshofen, möchte in einer Pause abwägen, ob ich den Rest der Tour von hier aus noch gehen möchte, immerhin noch einmal knapp 10 Kilometer und beim Blick auf die App sehe ich, dass mir der Umweg/Ausweg schon zu 12 Kilometern bis hierher verholfen hat.
Ich beschließe, in Anbetracht der steigenden Temperaturen hier in Grimmelshofen im Gasthof Wutachschlucht eine Pause einzulegen und meine Füßchen und mein Seelengewand in der Wutach abzukühlen – irgendwo werde ich hier doch sicher ans Ufer der Wutach kommen … Nix da! Sogar das verweigert mir die stolze Braut. Entweder zu steil oder Privatbesitz – nichts zu machen.
Ich bin kurz davor wütend zu werden – das war wahrscheinlich er Plan der Wutach – doch dann lenke ich ein weiteres mal für heute ein: meine Tour – meine Regeln.
Hier wird jetzt ein Strich gezogen; ich beende die Wander-Etappe leise grummelnd in Grimmelshofen und mache mich direkt motorisiert auf den Weg nach Schaffhausen, zum nächsten Etappenpunkt.

Ein Bad im schönen Rhein ist Hochgenuss, und Schaffhausen wirklich ein hübsches Städtchen. Genaueres dazu schreibe ich hier zu einem späteren Zeitpunkt.
Ich freue mich schon aufs morgige Bad im klaren blaugrünen Rhein, das wird fein.





Etappe 10: Wutachschlucht – Schattenmühle – Achdorf – 20,5 km
Die Wutach ist ein besonderer Fluss, ein ganz besonderer. Sie entspringt am Feldberg, wird auch Feldberg-Donau genannt und fließt in den Titisee. Von dort aus heißt sie erstmal Gutach und dann, nach dem nächsten Zusammenfluss „Wutach“. lese Wutach hat dann wirklich „gewütet“. Hat sich in gerade mal 20.000 Jahren so tief in die Gesteinsschichten gespült, wie ich es an den vielen informativen Tafeln am Weg nachlesen konnte.
Für mich bedeutet es aber eine besondere Reise – ich möchte fast sagen: eine Zeitreise.
Ich steige an der Schattenmühle in die Schlucht ein – und werde augenblicklich von ihrer eigenen und eigenwilligen Sphäre, Atmosphäre verschluckt. Fühle mich wie in Preußens „Krabbat“ versetzt. Die Mühle, beziehungsweise das riesige Nebengebäude ist ein rechtgroßes Gasthaus mit sicher viel Betrieb an einem Wochenende mit schönem Wetter allzumal, und als Wanderziel außerordentlich beliebt. Zu meiner frühen Morgenstunde ist noch alles still und abgeschlossen, dabei hätte ich so gern einen „Schatten-Mühlen-Stempel“ in mein Heftle.

Wieder einmal ist das Glück auf meiner Seite: Ganz am Ende öffnet sich ein Tor, als ich gerade vorne gehe und heraus kommt – vielleicht der Chef? In jedem Fall ein Mann, auf den heute sichtbar und erkennbar viel Arbeit wartet. Er hat eine ganz besondere Silber-Linie im Haar. Ähnlich wie Cäsars Lorbeerkranz verläuft eine Silberlinie durch seine dunklen Haare, hinten den Nacken hinunter, wie ein Blitz. Der silberne Blitz. Ich staune und erzähle im mein Liedchen von der Langstrecke und dem Stempel-Heftle, da werden seine Gesichtszüge kurz weicher, er nimmt mir das Hefte aus der Hand, verschwindet im Gebäude und kommt erstaunlich lange Momente später lächelnd und mit meinem Stempel-Heftle zurück und ist nach knappem Abschied verschwunden. Ich brauche ein wenig länger, bis ich alles verstaut habe, auch diesen ersten Eindruck.
Pflanze des Tages wird der nesselblättrige Glockenblume. Auffallend saftig und kräftig gedeiht sie hier und steht für den Rest des Tages, der Etappe – die mir noch etliche Stunden bescheren wird – wie eine leuchtende Wächterin am Weg:

Und dann verschluckt mich die Wutach-Schlucht. Ich werde förmlich aufgesogen und sauge meinerseits all diese Reize auf. Als ersten fällt mir der besondere Duft auf: Moos, Kräuter, Feuchte Erde – wenn ich je noch einmal ein Parfüm nutzen wollte, dass müsste es genau so duften. Das ist ein besonderes Bei-Geschenk meiner vergangenen Langstreckentouren: Seit der „Franzalpina“ im Jahr 2019 hat sich mein Geruchsempfinden verändert, und mit der „franzi geht dann heim“ noch einmal verstärkt: ich mag gar keine starken, künstlichen Düfte mehr. Weder Parfüm, noch Aftershave, Duschgel kann auch schwierig sein oder Haarwaschmittel. Ich mag Düfte, aber bitte zart und natürlich, bitte kein Axe, Poison &co.

Hier in der Wutachschlucht nun natürlichste würzige Düfte und vor allem Schatten, wie man das in einer Schlucht erwarten kann. Der Weg führt immer wieder einmal steiler hinauf und dann wieder mehrere Geschosse steil und tief hinunter ans Wasser. Eine Pflanzenwelt umgibt mich, wie es sich der Krautfranz nicht schöner wünschen kann. Es ist wirklich unberührt hier unten, Naturschutzgebiet sowieso, aber es kommt kann nix hier runter: kein Fahrrad, kein Auto, nix. noch nicht mal der Handy-Empfang. Und das ist ein Segen! Langsam gehe ich voran. das flinke Geh-Tempo der vergangene tage will sich nicht einstellen. Irgendwie lastet ein nicht unangenehmes Gewicht auf mir; als sollte ich das alles hier eben langsam und mit Bedacht erleben und genießen.

Ich lasse mich an diesem Tag also einfach entlang der Wutach flussabwärts treiben und staune. Über uralte Mammutbäume und andere Riesen am Wegesrand, auch darüber, dass manche Menschen diese Schönheit anders wahrnehmen und ihr Geschäft direkt darunter verrichten und sich noch nicht mal die Mühe machen, irgendetwas wegzuräumen. Hier noch mal kurz die Regel, wenn du draußen musst: weiter seitab ins Dickicht steigen, mit einem Stock oder Ähnliches eine kleine Mulde ausheben, tun, was getan werden muss, und das alles dann mit Erde, Blättern, Moos und Steinen sauber abdecken. Echt kein Aufwand, aber alles andere ist ekelhafte Unverschämtheit. Zeugt von fehlendem Respekt. Ich sinniere kurz über den Begriff von „Ehrfurcht“, der mir dazu einfällt und stelle fest, dass ich mich daran nicht weiter abarbeiten möchte, da ich die „Furcht“, egal ob „Ehr“ oder sonstwie, als keine gute Begleiterin erachte. Ich bleibe beim Respekt, vor Mutter Erde und all den Geschöpfen hier draußen.
Im Weiter-dahin-Stromern fällt mir auf, dass ich mich hier unten – wirklich weit weg von der banalen Alltagsrealität – viel mehr noch als Teil der Natur empfinden kann, dass Pflanzen und die Tiere hier eindeutig das Vorrecht haben und ich sie als Gast besuchen darf. Man sieht und spürt, die Schlucht ist in Bewegung: Hier ein Erdrutsch, da ein paar runter gerissene Bäume. Die Steige und Stiege, die Seilversicherten Stufen und Stege – das ist schon echt abenteuerlich und aufregend.

Und dann kommt Bad Boll, beziehungsweise das ehemalige Bad Boll. In hintersten Stübchen meines Hirnkastels ist mir der Kurort bad Boll natürlich ein Begriff, vielleicht war das sogar in meiner weitläufigen Familie mal ein Thema, aber ich bin dann doch bass erstaunt, als ich hier mitten in der gerade mal etwas weiteren aber wild zugewucherten Schlucht die Schilder und tafeln zu „ehem. Bad Boll“ entdeckte, dass hier Anfang des 20-Jahrhunderts ordentlich gekurt wurde, da dem Wasser besondere Heilkräfte zugesprochen werden – kann ich verstehen, aber das nur neben bei.
Tatsache ist, dass das mit dem Kuren hier irgendwann Mitte letzten Jahrhunderts zu Ende sind – in der Schlucht vielleicht zu viele Schatten, also Kurschatten, wer weiß… !990 hat das Land Baden-Württemberg dann beschlossen, das gebiet wieder der natur zurückzugeben. Alle Gebäude Schritt für Schritt abgetragen und Mutter Natur ihren Lauf gelassen, sensationell. Nur die Kapelle steht noch – doch selbst die ist komplett leergeräumt.

Ich muss an die zurück gelassenen Libellen-Larven-Hüllen denken, die wie leergezogene Kriegerrüstungen an Seerosenblättern haften bleiben, wenn die Libelle an einem warmen Sommertag beschließt, ihre dritte Metamorphose einzuläuten und sich aus diesem Panzer schält und als prächtige Libelle davon fliegt. Wohin ist wohl das Kapellen-Inventar geflogen?
So mäandere ich gedanklich und füßlich mit den Ufern der Wutach dahin. Denke über die Drei Dimensionen nach – hier und überhaupt. Und die vierte Dimension „Zeit“, die sich hier unten ganz anders anfühlt und auch anders vergeht.

Ich möchte eigentlich gar nicht so richtig zurück in die Realität, doch irgendwann hat es sich „ausgeschluchtst“ und der Weg spuckt mich hinauf an die Landstraße. Hier donnern Motorräder. An der Ecke steht ein Kiosk, beliebter Zwischenstop vieler Wanderer und Ausflügler.
Ich gönne mir hier eine Pause, schon auch, um mich wieder zu akklimatisieren. ich bin erschöpft. Nach einer köstlichen Orangen-Limo der Marke Libella – versteht sich von selbst nach meinem vorherigen Libellen-Exkurs – kommen die letzten 4,5 Kilometer zum heutigen Etappenziel in Achdorf. Die ziehen sich, vorbei an der Landstraße, durch Wälder und entlang von Weiden und Feldern. Sechs Störchen staksen hier in gebührendem Abstand dem Trecker auf dem Feld hinterher, da scheint einiges für sie zu finden zu sein. Selten, dass ich diese schönen und würdevollen Tiere so nah beobachten kann. Dabei kann ich eigentlich gar nicht mehr. An der letzten Biegung steht ein Kollege, mit dem ich mich gerade sehr viel enger verbunden fühle.

Ich habe für diese gut 20 Kilometer heute 9 Stunden gebraucht! NEUN Stunden?! Bitte wo ist diese Zeit geblieben? Von der Schlucht verzückt verschluckt.





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