FranScorpia – Abschnitt 2: Schwarzwald

PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. KI-Korrektur benutze ich aus Überzeugung nicht. Am Pausentag gibt es dann die Politur des gesamten Abschnitts in absteigender Reihenfolge.

Etappe 5: Glatten – Bad Rippoldsau, Sonne und viel blauer Himmel, aber auch Regen und Gewitter bei meist 21-25° Grad, 23 km

Was hat das heute morgen um 6 Uhr schön gedampft im Tal! Gewitter und viel Regen haben die Landschaft richtig klar gewaschen. Ich verlasse Jürgen Klopp Geburtsort und freue mich wie ein Kind auf den Besuch bei der berühmten, sogenannten „Großvatertanne“, die hunderte von jähren alt sein soll.

Der Weg führt mich durch den Wald immerzu bergauf in Richtung Schöllkopf. Er ist wirklich besonders dieser Schwarzwald. So viele Weißtannen beisammen und dann die Blaubeeren … ich fühle mich – wieder einmal – wie Fränzchen im Blaubeerwald.

Ein ganz besonderer Duft, schwer aromatisch vom Regen der letzten Nacht. Jeder Atemzug fühlt sich wie eine Inhalation de lux an. Ich atme mich also froh den Berg hinauf. Das mich heute begleitende Wanderzeichen ist eine Hagebutte in der Raute. Dabei wachsen am Wegesrand köstliche Himbeeren. Auch ein Rosengewächs, nebenbei.

Ich sinniere über die Hagebutte als Frucht gewordene Rose. Von der Blüte zur Frucht, so könnte dieser „Initiationsweg“ umschrieben werden. Und natürlich denke ich dann auch an meine kleine, geliebte „Rosepin“, und bin so dankbar und froh, dass diese Geschichte jetzt wirklich im Herbst beim Hummelshain Verlag veröffentlicht wird – von der Blüte zur Frucht.

Der Schöllkopf mit seinen ca 840 m über Meeresspiegel ist, denke ich, der bisher höchste Punkt der Tour und ich erfahre auf interessant gestalteten Informationstafeln so Einiges zur Großvatertanne und ihren Verwandten, aber auch zur Glashütten-Tradition und zum mittelalterlichen Erz-Abbau hier oben.

Und dann stehe ich plötzlich vor ihr: vor dieser über 300 Jahre alten Weißtanne und bin tief berührt. Neben mir steht ein Mann, ebenfalls in Andacht versunken. Nach tiefem Waldlust-Inhalations-Durchatmen kommen wir ins Gespräch. Er kennt die Tanne schon seit über 50 Jahren, kam füher schon mit seinem Großvater hier herauf.

Heute ist die Tanne zum Wurzel- und damit Lebensschutz eingezäunt, aber er meint, sie sähe schon sauseliger aus, seit etwa 15 Jahren. Gut, ich sah vor 15 Jahren auch anders aus, aber ich bin schließlich keine Tanne, schon gleich keine Großmutter-Tanne. Der nette Mann beglückwünscht mich zu meiner Tour und der Tatsache, dass es heute nach dem langen Aufstieg jetzt gen Rippoldsau nurmehr bergab geht. Das sagt es so und verabschiedet sich.

Ich bleibe noch ein wenig in wölfischer Begleitung in gebührendem Abstand staunend sitzen, freue mich darauf, dass es ab jetzt lässig nach unten gehen soll und bin fast ein wenig übermütig vor lauter tollem Wetter, bester Luft und Tannenfreude – oh Tannenbaum!

Ich durchmesse also das Schöllkpopf-Gebiet und folge an einer Kreuzung einem hölzernen Schild mit der Aufschrift „Rippoldsauer Weg“, ohne das mit meiner App abzugleichen. Kühn, ich weiß, aber ich will mich ja nicht immer von diesen digitalen Hilfsgeistern abhängig machen. Schild – zack – Franz biegt ab. Fataler Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn irgendwie schaffe ich es jetzt, eine Kilometer-lange – ja PLURAL – Umwegsschlaufe zu meinen eh schon knapp 20 Kilometern für den heutigen Tag mitzunehmen. Und das auch noch bei zunehmend schwarzem Himmel und fernem Donnergrollen.

Ich bin kurz davor, die blendende Tannenlaune von eben zu verlieren, reiße mich am Riemen und gehe laut singend weiter. Diese Sing-Therapie von der letzten Etappe übernehme ich dankbar. Komme zwischenzeitlich am Zwieselberg wieder höher hinauf – nämlich auf 840 m über Meeresspiegel und erst an einem Waldarbeiter-Bauwagen vorbei, der mir als Unterschlupf für den gleich erwarteten Unwetter-Schub dienen könnte. Aber Dach aus Blech, Scheiben eingeschlagen – das zieht mein Gemüt noch weiter runter. Da laufe ich lieber Lieder singend weiter.

Komme gut voran, die Donner werden zwar lauter, aber richtig nah krachen sie noch nicht. Höchste Höhe erreicht, ab jetzt geht es auf geplantem Weg, steile Forst-Steige, nur noch hinunter. Ich komme an einer Baustelle vorbei. Hier steht schon ein immens hoher frischer Beton-Turm im Rohbau und daneben, komplett den schmalen Waldweg verbauend, zwei Riesen-Kränze aus Stahl-Antennen, wahrscheinlich zukünftige Blitzableiter. Und ich denke: Na bravo! Wenn ich da jetzt rüberklettere, weiß der Blitz ja genau, wo er hin muss. Aber es hilft nix. Ich singe noch ein wenig lauter und krabbele drüber. Nix passiert, ich bin aber auch ein „Blitz-Gscheitle“. Ab jetzt regnet es nur ordentlich. Selig ziehe ich mein Regencape über und genieße die freundliche Umarmung dieses besonders duftenden Waldes.

Viele Höhenmeter weiter unten eröffnet sich der Blick auf bad Rippoldsau mit seiner zweitürmigen Wallfahrtskirche und das Schild zeigt mir einen Klösterle-Hof als Ziel an. Klingt sehr gut. Prompt verzieht sich der dunkele Wolkenzoo und die Sonne scheint.

Unten angekommen, statte ich der Kirche einen Besuch ab, zünde erste eine und dann zum Dank für überstandene Gewitter-Sorge eine zweite Kerze an. Dann singe ich drei oder vier Marienlieder – wie sich das in einer „Mater Dolorosa“ geziemt.

Wieder draußen knallt die Sonne auf die Treppenstufen, ich breite das Cape zum Trocknen aus und komme erst jetzt dazu, mein Wandervesper zu essen. Herrlich.

Ein junger Mann nähert sich, fragt ohne auf Antwort zu warten, ob er zu mir kommen kann und schiebt direkt die Frage nach, ob ich eigentlich weiß, was er von Beruf werden will? Ich antworte höflich: Nein. Sollte eigentlich schon seine erste Frage betreffen, aber wir sind ja schon weiter.

Er erzählt, dass er gerne Polizist werden will und schnell erschließt sich mir aus dem weiteren, bunten Gespräch, dass er es neben TKKG und den Drei Fragezeichen besonders mit Räuber Hotzenplotz und dem Dimpfelmoser hat. Daher also der Polizisten-Wunsch. Schnurstracks sind wir bei Petrosilius Zwackelmann – den wir beide ja schon lange nicht mehr gesehen haben – so in echt. Kurz sinniert er, ob er nicht doch lieber Zauberer werden sollte und wir einigen uns, dass er es dann aber bitte nur mit der weißen Magie hält, gell?!

Und schon stromert der junge Mann einem nächsten Abenteuer oder Gesprächspartner entgegen, und ich setze mit zum guten Nepomuk an die Brücke.

Irgendwann kommt ein Auto vorbei jemand steigt aus und nimmt den Weg ins Pfarrhaus, das heute eigentlich verschlossen und unbesetzt ist. Ich wittere die Chance auf einen Stempel in mein Heftle und werde herzlich und freundlich belohnt.

Bilanz des Tages: Auch Umwege sind Wege, auch wenn man Fichten nicht mit Tannen und Äpfel nicht mit Birnen vergleichen sollte. Dann schon lieber Blaubeeren mit Himbeeren oder Träuble.

Die Pflanzedes Tages ist die Distel.

Etappe 6: Rippoldsau – Wolfach, Wetter durchweg heiter, 21 km

Der Start der Tour wurde ein Stück verschoben, denn auf dem Weg, genau gesagt in Schapbach befindet sich ein wirklich einzigartiger Alternativer Wolf- und Bären-Park, eine Stiftung für Wildtier- und Artenschutz. So etwas habe ich noch nie gesehen. Hier leben diese Tiere, die allesamt ein unwürdiges erstes Leben hatten, in hoch modern und weitläufigst eingezäuntem Schwarzwald-Gelände. Faszinierend!

So nah war ich einem Bären, Verzeihung: einer Bärin noch nie. Und im Hintergrund heulen die Wölfe, es ist eine ganz besondere Erfahrung – im Wolftal. Der Bach hier heißt tatsächlich die Wolf und ist eine Nebenfluss der Kinzig.

Ich überlege mir jetzt ernsthaft, eine Patenschaft zu übernehmen, oder zu Spenden, denn bei der wirklich ansprechend gestalteten Durchsicht aller hier lebenden Tier-Vitae muss ich wieder klar konstatieren: die grausamste Bestie auf diesem Planeten ist der Mensch – ich schäme mich für meine Spezies.

Und danach – quasi mit dieser Erfahrung im Gepäck – geht meine heutige Etappe erst noch los. Da ist es schon 11.30 Uhr und ich denke, dass ich ja „nur“ die Wolfach hinunter spazieren darf – aber da habe ich mich mit der Zweidimensionalität der Kartenplanung mal wieder vertan.

Der „Wolfach-Weg“ zeigt einrucksvoll, worum es hier geht: Um Wald, also um Tannen – es sind zwar Weißtannen und der Wald heißt Schwarzwald, aber darüber werde ich später nachdenken.

Nächsten Weihnachten kommt bestimmt. Wie wäre es mit einer Eibe vom Weibe?

Die Route führt mich schon immer mal malerisch ein wenig auch hinauf, durch Wald und Auen – und zieht sich. Vielmehr: ich schleppe mich. Die Kondition ist heute etwas mau. Dabei wird der Weg von wirklich interessanten und tollen Geschichten- und Themen-Tafeln rund um die hiesige Tradition der „Flößerei“ beschildert.

Es ist eine besondere Gegend. Der Schwarzwald an sich hat diesen besonderen Zauber, irgendwie rauh und schön. Die Fabeln und Mythen, die historischen Zusammenhänge zum uralten Brauchtum scheinen einen hier noch unverstellt anzuschauen.

Recht früh hüpft mit die Pflanze des Tages auf den Weg: Die kleine Braunelle. Sie schmeckt übrigens überraschend blass, auch wenn ihre Heilwirkung zum Beispiel bei Herpes hervorragend ist.

Ich komme an einem riesigen Hof-Gebäude-Komplex vorbei, wo heute ein großes Fest mit Zelt und Musik und Aktionen und Kaffee und Kuchen und Bier und Lama-Spaziergängen gefeiert wird. Direkt im Eingangsbereich steht dieser antike, hochpolierte Schatz:

Ja, er ist rot – ist ja auch ein Porsche

Ich gehe an den Menschenmengen vorbei und bewundere die Tracht, also sowohl die traditionelle Kleidung der Männer als auch der Frauen. Auch das rührt mich irgend wie tief an: Viel schwarz, irgendwie streng, und dann tagen die Männer knallblaue Kniestrümpfe, Wahnsinn.

Vielleicht sind das heute einfach zu viele Sinnes-Eindrücke für mich, daher die Erschöpfung. Aber, ich lasse nicht locker. Habe mir diesen Gang an der Wolf entlang extra gewählt. Flussabwärts zu gehen, also der Mündung zu, bedeutet im übertragenen Sinne ja, sich in die eigene Zukunft zu bewegen und diesen Gedanken hole ich mir heute immer wieder ins Bewusstsein.

Ja, beim über längeren Zeitraum Laufen – OK heute ist es eher ein Gehen – können die Gedanken etwas weiter schweifen, und es fühlt sich immer wieder an, als gedeihe da gerade eine wichtige Erkenntnis. Und das ist, glaube ich, der springende, der laufende Punkt: Nicht nur denken und „Aha, verstanden“, sondern fühlen, IM Körper wahrnehmen.

Und da gibt es heute allerhand wahrzunehmen: Ich komme in mehreren Kirchen zum Singen. Muss an gefühlt jeder dritten Bank eine Pause einlegen, sehe nach Wölfen und Bären heute morgen, eine Kleinfamilie Hirsch – und immer wieder das Wasser an meiner Seite – mal rechts, mal links, das mich daran erinnert, wohin es den gehen soll.

Das Tal weitet sich, es wird milder und irgendwie weicher. Sind ja auch eine paar ordentliche Höhenmeter, die ich jetzt wieder abwärts gegangen bin. Und dann zeigt sich der Kurort Wolfach wirklich von seiner sehr schönen Seite. Ziemlich genau so viel schöner, als erwartet, als sich Rippoldsau gestern verlassener, als erwartet gezeigt hat.

Am Ziel angekommen, lasse ich den Rucksack quasi fallen und die Wanderklamotten auch und mich in die – zugegeben recht flachen, aber wunderbar erfrischenden Fluten.

Ob Wolf oder Kinzig, die hier zusammenfließen, ist mir grad völlig egal, Hauptsache flussabwärts und meiner Zukunft entgegen. Und diese ganz nahe Zukunft beschert mir dann noch einen köstlichen Flamkuchen im wirklich malerischen Örtchen.

Bilanz des Tages: Etwas mühsamer als gedacht, doch weit erkenntnisreicher als erhofft. Tiptop!

Etappe 7: Wolfach – Landwassereck am Horniskopf, sonnig, 18 km

Wolfach ist wirklich ein sehr hübsches Städtchen mit seinen beiden Flüssen Wolf und Kinzig. Wie gut, dass mich der Jakobsweg, den ich heute wieder gehen kann, noch einmal durch das malerische Zentrum führt. Im Touristenbüro erhalte ich noch einen Stempel in mein Hefte und dann verlasse ich den Ort, wie es sich gebührt, durchs Stadttor.

Ich habe mir diesmal die Höhenbeschreibungen im Vorfeld etwas genauer angesehen und bin jetzt immerhin seelisch darauf vorbereitet, dass es echt viel aufwärts geht. Gestern also immer bergab, heute: immer bergauf. Eine erste Rutsche führt mich durch kühlen schattigen Wald, es läuft sich bestens bei blendender Laune. Dann führt der Weg auch schon wieder hinunter nach Gutach, und ich denke mir kurz: Gut – ach, war’s das schon, mit dem Aufwärtssteigen? Weit gefehlt.

In Gutach besuche ich die Kirche und singe, wie gewohnt. Hier erfahre ich auch von der Gutachter Künstlerkolonie um Wilhelm Husemann und Curt Liebich. Die haben vor über 100 Jahren eben in Gutach gemalt und immer wieder die spezielle Gutachter Tracht mit den Bollenhüten gemalt. Als Postkarten wurden diese berühmt und heute denkt jeder: alle im ganzen Schwarzwald tragen diese speziellen Hüte, die übrigens 1 1/2 Kilo wiegen.

Diesen Ort verlasse ich über den Feldweg und ab jetzt geht es bei strahlender Sonne wirklich nur noch bergauf. Oft im Wald, aber nicht immer. Ich freue mich über den Jakobsweg und meine Gedanken sind leicht, ziehen dahin, wie die Wolken über mir. In der Ferne jaulen Kettensägen. Manchmal hören sie sich fast so an, wie die Wölfe gestern im Schapbachen Gehege. Die Landschaft gefällt mir wirklich ausnehmend gut. Ich mag den speziellen Bau der alten Bauernhäuser, alles ist irgendwie unaufgeregt, praktisch und schön.

Ich komme hinauf an waldige Weiden, die von 5-reihigen, robust gebauten Elektro-Zäunen abgesteckt sind. Hier hat man also schon Erfahrung mit dem Wolf gemacht und den Viehschutz dementsprechend aufgerüstet.

Ich denke wieder an die Wölfe von gestern. Da waren sie es, innerhalb der Einzäunung. Heute geht es darum, sie potentiell außerhalb der Einzäunung zu wissen. Ja, das Thema mit dem Wolf ist ein schwieriges. Schon stehe ich vor einer flatter-roten Absperrung: Kein Durchgang – Holzarbeiten. Ich höre zwar kein Kettensägen-Gejaule, nehme die Absperrung aber ernst und verlasse notgedrungen und etwas unmutig den geliebten Jakobs-Weg, um nun über einen ordentlichen Umweg von mindestens 2 Kilometern zu nehmen UND – wie ich zum Glück erst am Ende erkenne – über etliche zusätzliche Höhenmeter, nämlich den Horniskopf.

Es fordert mich und meine Kondition, die anspruchsvolle Steigung, vor allem in den umbeschatteten Abschnitten zu meistern; doch bei so viel Schönem am Wegesrand und mit angemessenen Pausen, gibt es keine inneren Widerstände mehr, ich schwebe irgendwie schwitzend dahin.

Pflanze des Tages ist die Goldrute, heute die kanadische Goldrute, die mir auffallend oft aufmunternd entgegen wedelt, goldig.

Diese Umweg-Strecken, die mir meine Kommod-App dankenswerter weise anzeigt, sind zum Teil länger nicht gegangen worden und dementsprechend verwachsen und wirklich einsam. In der Ferne höre ich immer wieder Motorrad-Brausen, die Höhenstraße scheint nicht allzu weit zu sein. Ich nähere mich ein paar Windrädern die am höchsten Punkt warten – jetzt weiß ich, dass dies der Horniskopf ist.

Und dann geht es sogar wieder ein ordentliches Stück bergab, zurück auf den Jakobsweg, hurra!

Genau an dieser Stelle, an dieser Kreuzung traue ich meinen Ohren und Augen kaum – wie gesagt: steil, mitten im Wald, Wege teils wild. Da kommt mit eine alte, weißhaarige Frau in ihrem kleinen grünen Ford entgegen geknattert und verschwindet nach oben hinter den Windrädern. Gut, die Zeiten ändern sich, heute brauchen sie eben keine Besen mehr zum Fliegen, heute nehmen sie den quietschgrünen Ford, habe verstanden, Frau Waldmeisterin.

Nach kurzem Schotterhatsch eröffnet sich der Wald in lieblichem Tor und gibt den Blick frei auf den Höhengasthof Landwassereck -mein heutiges Etappenziel.

Auf der Terrasse sitzen ein paar Motorrad-Knatterer. Für mich gibt es einen großen Eimer Johannisbeer-Schorle – Prosit Jabkob – einen weiteren Stempel in mein Hefte und ein leckeres Fleischküchlein mit Salat. Zum Nachtisch kredenzt und der Wirt noch ein paar Anekdoten zur ausgesprochenen Freundlichkeit und Höflichkeit von Uli Hoeneß.

Danach gibt es sogar noch eine kurze Schwimmrunde im Freibad und ganz zum Schluss noch einen Skihang mit Lift-Anlage und Schneeräumer – nur ohne Schnee. Aber – wie gestern schon angeklungen – der nächste Winter kommt bestimmt.

Etappe 8: Schonach – Neueck/ Lachenhäusle, sonnig, 20 km

Heute war die bisher schönste Etappe: das Wetter war herrlich und angenehm kühl. Als ich am Morgen aufgebrochen bin, war ich froh über die langen Hosenbeine und die Jacke. Wir hatten es von der Temperatur 1-stellig in der Nacht – welch ungewohnter Segen. Auf dem Weg in den Hochschwarzwald natürlich nicht verwunderlich.

An der Wilhelmshöhe ging es dann scharf links von der Landstraße ab – und Zack ins Moor. Was für eine Märchen-Landschaft. Und obwohl er „Blindensee“ heißt, der da in dem Mitte des Hochmoores ruht, habe ich ihn doch genau gesehen! Da hat die heilige Ottilie heute frei!

Ich weiß nicht genau, womit ich auf dieser heutigen Etappe gerechnet habe – eher kargere Höhe? Und genau das Gegenteil ist der Fall. So viele Quellen sprudeln hier, so viele Bächlein gluckern, alles ist saftig, der Wald strahlt eine freundliche, nährende Ruhe aus. Die Route, die ich heute gewählt habe führt mich nicht nur über den E1, also den Fernwanderweg Nummero 1, dieser Abschnitt trägt den Zusatz „Wasser-Welten-Steig“.

Auf einem schmalen Feldweg durch weite Weideflächen, die an den Wald angrenzen, wundere ich mich erst über ein Auto, das da parkt und dann sehe ich einen Mann in unbequem gekrümmter Haltung, etwas am Boden fotografierend. Herrlich, so etwas mache doch normaler weise ich. Ich will wissen, welche Preziose er da gerade abgelichtet hat.

Da ich es mir direkt aufgeschrieben habe, kann ich dies nun wiederholen: ein Warzenbeißer, ehrlich. Eine Heuschreckenart, die wirklich stattliches Bisswerkzeug hat und auch die menschliche Haut perforieren kann. Ihren, zugegeben etwas ekeligen Namen verdankt sie dem früheren Brauch, sie gezielt in unerwünschte Warzen beißen zu lassen, da ihr Mageninhalt, den sie beim Aggro-Angriff direkt nach draußen befördert, die Warze zum Verschwinden bringt.

Toll, was ich von Sebastian, dem Heuschreckenflüsterer alles erfahre, er ist nämlich in professioneller Mission, nämlich fürs Amt für Umwelt: er zählt hier am Hang, unter anderem mit Hilfe eines „Bat-Detectors“, also eines Fledermaus-Ultraschall-Übersetzters die Heuschrecken. Ich liebe diese zufälligen Begegnungen am Wegesrand – und weiß jetzt mehr über Heuschrecken, super!

Heutige Pflanze ist der Hirsch-Holunder mit seinen feuerroten Beeren. Er leuchtet auffallend oft am Wegesrand heut, so schön und doch so ungenießbar.

Und nun folgt eine Vierer-Reihe sensationeller Stationen: Zuerst passiere ich die Europäische Wasserscheide. Geologisch und geomantisch ist das spannend. Denn alle Wasser, die auf dem Weg, von dem ich kam, zur Erden nieseln, fließen in irgendwelche Bächlein und sammeln sich im Rhein, der sie dann der Nordsee zuspült.

Hier jetzt, jenseits des Wassers Scheide, sammeln sich alle Wasser und Bächlein, um irgendwann in die Donau zu fließen und damit ins Schwarze Meer. Und dieses irgendwann beginnt genau hier. Es ist die Quelle der Breg, die seit den 1950 Jahren mehr oder weniger eindeutig als der Ursprung der Donau deklariert ist. Ich sitze also gerührt an der Donauquelle und bin ein wenig irritiert, dass hier ein (männlicher) Künstler dieser Quelle einen sehr männlichen Wassergott aufgepfropft hat. Danubius soll er heißen. DIE Donau, Danube – wie kann man(n) bloß auf die Idee kommen, hier einen Kerl hinzusetzen?

Nummer drei im Reigen der unbedingten Sehenswürdigkeiten ist die Martins-Kapelle, die über den beiden erstgenannten thront. Rührend, wie diese im Privatbesitz des Nachbarhofes befindliche Kapelle gehegt wird. Und auch wenn sie jetzt dem Andreas geweiht ist, werden da auch schon zu Plinius Zeiten ganz andere Kräfte – singulär: die Kraft, merke: weiblich – verehrt worden sein. Aber das ist natürlich reine Spekulation einer Dannheimerin auf Wanderschaft.

Komme ich nun zur Nummero 4: Den Gunterfelsen auf einer Höhe von 1136 über NN. Bitte wer hat hier heroben, am höchsten Punkt diese riesigen Steine aufeinander getürmt? Soviel Elixir kann ein Obelix doch gar nicht intus haben?

Still ist es zwischen den Steinen im Nadelwald, bemerkenswert stiller Zauber. An einem Ast leuchtet etwas rot, wie die Hirsch-Holunderbeeren:

Ein Rot-Jäckchen, und ich schaue – mal wieder – nach dem Wolf. Alles bleibt still. An meinem weiteren Weg wachsen Unmengen köstlicher Himbeeren und nach so vielen tollen Eindrücken habe ich richtig Hunger und verzupfe mich von Ranke zu Ranke immer tiefer in den Wald.

Da pflückt plötzlich neben mir noch eine andere Frau. Sie hat gut vorbereitet ein Eimerchen dabei und erzählt, dass sie von den Himbeeren Marmelade kochen wird. Auch, dass sie von ihrer Großmutter so manches gelernt hat. Ich nicke innerlich: ich auch. Sie führt weiter aus, dass sie sich an die „Vogelbeeren“ also Ebereschenbeeren nicht rantraut – und das ist in diesem Fall sehr sinnvoll, denn sie meint und zeigt auf „meinen“ Hirsch-Holunder, von dem sie wirklich die Finger lassen soll. Vogelbeere hingegen ginge problemlos, aber das nur am Rande. Kräuter-Weiblein unter sich … als sie dann erwähnt, dass sie ihre rote Jacke weiter hinten gelassen hat, schließt sich der Kreis und ich gehe weiter.

Der höchste Punkt „Auf dem Brent“ ist mit seinen 1150 m plus Aussichtsturm bald erreicht, und ab dann geht es nur noch bergab, nur geografisch! Die Laune ist und bleibt erhoben und erhaben – es ist wunderschön in diesem Schwarzwald, den ich eigentlich erst jetzt durch diese Wanderung genauer kennenlerne.

Mit Blick auf den Feldberg und dahinter in die Vogesen geht die Sonne für heute unter.

Etappe 9: Lachenhäusle – Titisee, sonnig, 22 km

Hoch soll er leben, der Hochschwarzwald! Hach, was mir das hier gut gefällt! Nicht nur weil das Wetter perfekt ist zum Wandern: Sonnig, kühler Wind bei 23 Grad, herrlich. Leider habe ich es versäumt, vom Lachenhäusle selbst ein Foto zu machen, wäre doch gelacht gewesen. Aber wahrscheinlich war ich von der Aussicht einfach zu überwältigt: auf der einen Seite bis in die Vogesen und auf der anderen Seite bis in die Schweizer Alpen und ins Allgäu – unfassbar, diese Sicht; wie es eigentlich nur im Herbst möglich ist.

Wenn ich ehrlich bin, ist die Stimmung schon etwas herbstlich, vielleicht weil die Felder und Weiden so verbrannt sind – selbst im Quellenland Hochschwarzwald können die Kühe zum Teil schon nicht mehr auf die Weiden, weil es dort einfach nicht mehr genug zum Grasen gibt. Regen ist nicht in Aussicht.

Als Pflanze des Tages zeigt sich bald und über den ganzen Tag in violetter Pracht der Hasenlattich, und ich denk mir gleich: Welcher Hase – welcher Pfeffer? Angst oder Igel? Was wird er mir bescheren? Bin gespannt.

Die Wandersfrau schnappt sich also frohgemut ihren Stock und Hut und zieht los. Das heutige Etappenziel stand früh auf der Wunsch-Liste: Titisee. Auch wenn mir bewusst ist, dass dies heute ein recht überlaufener Touristen-Ort ist und man sagt, dass hier vor allem die Schweizer Motorradfahrer wild durch die Kurven brettern, so weiß ich doch auch, dass dieser See in früher Vorzeit eine ganz besondere Bedeutung hatte. Sein Name deutet es noch an: „Titi“ ist das Kindchen. Wenn eine Frau also ein Kindchen empfangen wollte, und das auf dem landläufig bekannten Weg nicht klappen wollte, dann ging sie rituell Baden im Titisee. Gewässer sind halt immer mit den weiblichen Themen verbunden so oder so – da denke ich an den „Danubius-Kerl“ von gestern, nun ja.

Weil ich eben so Manches von und über den Titisee weiß, ihn – oder sie – aber noch nie gesehen habe, bin ich heute hingelaufen. Ich dachte, es geht jetzt schön entspannt den E1, der hier auch wieder ein Jakobsweg ist, hinunter zum See. Doch da kam mir noch ein spannendes Stück Hochschwarzwald-Rücken dazwischen. Der Himmel ist strahlend blau, dieses besondere Himmelblau, das zum Zenit hin in violett schimmert, die Schwalben fliegen hoch durch die Luft, und die Sicht ist sensationell. Ich komme in den Wald und sehe dieses Schild:

Vorbei ist es mit der entspannten Wanderei. Natürlich habe ich in den letzten Tagen die hohen, starkverdrahteten Zäune gesehen, habe ja auch schon übers Wolfthema hier geschrieben, aber das ist heute eine andere Nummer. Was tun? Wie mit der inneren Unruhe umgehen?

Zum Glück sind immer wieder Fahrradfahrer am Weg, so beschließe ich, weiter zu gehen. Am Thurner, einer Weidland-Anhöhe, die an den Wald grenzt, steht dieses Mahnmal:

Es erinnert an die Großkundgebung im Oktober 1986 gegen das Waldsterben, Hauptredner war damals Richard von Weizsäcker. Ich erinnere mich sofort, wie mich das Waldsterben damals in Mark und Seele einschüchterte – und wo sind wir heute angekommen?

Was tut denn jede einzelne und jeder einzelne von uns, ganz im kleinen, Tag für Tag, um dieser schönen Erde irgendwie etwas Gutes zu tun? Muss ich wirklich mehrmals im Jahr auf irgendwelche Ferieninseln fliegen? Ist es wirklich nötig, dass jede und jeder nun per KI-Dienste seine verschiedenen Lebens-Kapitel optimiert – und damit unterstützt, dass anderswo auf der Welt Mutterboden geopfert werden muss, um die Rechenzentren dafür zu bauen? Haben wirklich alle kapiert, wie beschissen das Leben für Tiere in Massenhaltung ist – und brauchen dennoch das billige Kotelett auf dem Grill?

Beim Alleine-Gehen habe ich viel Zeit, auch um mit mir selbst und meinen Angewohnheiten ins Gericht zu gehen. Wie sagte es noch die Walkerin am Morgen in Horb: „Das Gehen hat etwas Reinigendes“. Auch ihr Gedanke „Ich bin empfänglich über die Füße“ begleitet mich – und das hat hier nichts mit der Titisee-Bedeutung zu tun. Viel mehr mit der Frage: habe ich meinen Platz in meinem Leben eingenommen? Welchen Standpunkt vertrete ich? Wie aufrichtig stehe ich zu meinem Wort?

Nach dem nächsten Wolfs-Warnschild und wirklich einsamer Strecke durch den Wald beschließe ich, die Route zu ändern, den E1 zu verlassen, um sicherer in der Ebene an den Höfen vorbei zu gehen. Zum Glück kommt in dem Moment ein Mann mit Hund daher. Nicht irgendein Hund: ein schwarzer imposanter Cane Corso, aber das erfahre ich erst im folgenden Gespräch. Es ist zum Glück nämlich nicht irgendein Mann, sondern ein Einheimischer, der mir auf mein Fragen nach der Wolfsgefahr hier, schnell die Sorgen nimmt. Seit letzten Herbst ist hier wohl kein Wolf mehr gesichtet worden. Und ich soll unbedingt der den Hochwald-Rücken gehen, so viel schöner ist der Weg und die Aussicht von da oben!

Wieder einmal stelle ich fest, dass wir als Menschen eben soziale Verbindung brauchen: Ich alleine steigere mich hinein in Unsicherheit und Sorge – möchte direkt sagen: Angst – vor dem Ungewissen und Unbekannten, allein ausgelöst durch einen Schriftzug auf einem Schild, also komplett kopfgemacht. Dann erlebe ich im Gespräch den Erfahrungsaustausch-Schatz meines Gegenüber und kann damit vertrauensvoll mein Gemüt beruhigen UND freudvoll hoch hinauf in den Wald steigen.

Zum bisherigen Über-Meeres-Null-Höhepunkt der „Weißtannen-Höhe“ mit ihren 1191 Metern. Unterwegs passiere ich ein weiteres „Mahnmal“ mitten im Wald: Vor knapp 100 Jahren wurden an dieser Stelle zwei junge Cousinen, die eben genau den Weg vom heutigen Waldsterben-Mahnmal am Thurner unterwegs waren nach Titisee, von einem bis heute Unerkannten umgebracht. Da ploppt sie wieder auf, die Frage: „Mann oder Bär“? In diesem Fall eben Wolf … ich lasse das offen und steige jetzt langsam ab.

Komme an einem weiteren, mit Freude ersehnten Zwischen-Ziel vorbei: am Heiligenbrunnen, ein recht großer, mit dem Auto erreichbarer Gasthof, der sich neben einer alten Kapelle befindet – und beides eben neben der namensgebenden „Heiligen Quelle“. da muss ich auf meiner „Wasser-Pilger-Reise“ doch vorbei! Den Schlüssel zur Kapelle erhalte ich von der netten Frau hinter der Theke:

Der Innenraum ist besonders schön und beruhigend. Am Altar eine Darstellung der Heiligen Margarete, die „Gretl mit dem Wurm“, also mit drachenähnlichem Ungeheuer zu ihren Füßen.

Oben auf der Empore entdecke ich uralte Notenschätzchen samt Harmonium. Nach Andacht und Gesang gebe ich den Schlüssel zurück, erhalte einen schönen Stempel in mein Hefte und setze mich noch ein wenig an die eingefasste Quelle, auch hier eine Margarete.

Nahezu leichtfüßig folgt nun der letzte Abstieg an den Titisee, vor bei am „Achtung Lebensgefahr“-Schild beim Golfplatz. Und das soll für heute bitte die letzte Gefahren-Warnung sein.

Leichter Asphalt-Hatsch führt mich ins tatsächlich touristische Örtchen, doch der ersehnte Schwumm im See macht sehr Viel nicht nur wieder wett, es ist eine wahre Belohnung für den müden Franz-Hasen des Tages.

Resümee am Pausentag am Titisee

Ich möchte sagen: ambivalent.

Es kann ja auch nicht immer alles nur toll sein auf so einer Tour. Heute hat mich also der Pilger-Blues ereilt; und das passt sehr gut, schließlich bin ich hier am Jakobsweg und habe mir heute vormittag noch den Muschel-Stempel ins Hefte geben lassen. Alles Weitere am Titisee: ambivalent. Für mich persönlich betrachtet.

Das Wetter ist wunderbar, die Luft erfrischend kühl, der See hat eine angenehme Temperatur – aber vielleicht kann ich es mit der Zivilisation gerade nicht so gut, vor allem mit dem mehr oder weniger zivilisierten Tourismus: Wenn sich die spanische 10er-Gruppe noch vor dem Mittags-Läuten, begeistert vom Halbliter-Glas in die vierte Bier-Runde krakeelt. Oder die affektierte End-Siebzigerin, die am Ufer-Weg demonstrativ genervt AUF & ÜBER das Handtuch des spielenden Mädchens stakst, weil der Weg drum herum ihrer nicht würdig gewesen wäre, ungezogenes Blag.

Dann sind da auch wieder die sonnigen Momente: wenn der Wirt in Engels-Ruhe die Schwarzwälder Kirschtorte formschön zerteilt, wenn der Verkäufer mit heiterer Gelassenheit einer weder deutsch noch englisch noch spanisch sprechenden Reisegruppe die Vorzüge jeder der 846 Kuckucksuhren an der Wand versucht zu erläutern. Außerdem liebe ich den Baustil der alten Häuser hier.

Vielleicht liegt es einfach an mir und dass ich diesen Tag mit möglichst wenig Reizen von außen heute brauche, um all die Eindrücke der letzten Tage und Etappen zu verarbeiten. Ich habe das Gefühl, gerade nicht vollständig in der realen Alltagswelt zu stehen, sondern mit mindestens einem Bein eben weit in den Mythen und Märchen, Sagen und Traditionen dieses sagenhaften und manchmal auch ein wenig düsteren Schwarzwaldes zu stecken.

Ich gehe eine kleine Runde im Wald spazieren – quasi um die Anbindung bis morgen frisch zu halten und begegne prompt der Pflanze des Tages: Dem Blauen Eisenhut, eine der giftigsten Pflanzen Europas.

Wen wundert es, dass sie auch Wolfswurz genannt wird, weil man mit der besagten Giftigkeit einstens den Wölfen zu Leibe rückte. Der Wolf scheint das Thema dieses Abschnitts zu sein – hoffentlich gewesen zu sein – Vergangenheitsform.

Zum Abend steigt die Vorfreude auf die morgige Tour, sie wird mich durch die Wutach-Schlucht führen.

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