FranScorpia – Abschnitt 4: Allgäu – Tirol

PRÄAMBEL: Hier folgen nun weiterhin Tag für Tag die Etappen-Beschreibungen dieses Abschnitts inklusive Pausentag. Recht roh und im ersten Wurf, mehr Feinschliff ist nach einem langen und heißen Wandertag nicht drin. Ich benutze keine KI, weder für Korrektur, noch für sonst etwas, aus Überzeugung. Am Pausentag gibt es dann eine Politur des gesamten Abschnitts. Finale Korrektur folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Etappe 17: Oberjoch – Tannheim / Haldensee, 17 km

Ich sag es, wie es war: ich saß heute morgen auf meiner Bettkante und war in schwerer Verhandlung mit mir. Ordentlich Regen war runtergekommen und eine Zweidrittel-Mehrheit meiner selbst hat den ganzen Laden blockiert und gesagt: „Jetzt brichst du den ganzen Dreck ab, alter Franzhase! Wenn dich die Angst vor einer potentiellen Bären-Begegnung so in den Klauen hält, dass du die ganze Nacht von einsamen Waldlichtungen und schwierigen Wege-Planungen träumst, dann ist das gar nicht mehr lustig sondern nur anstrengend, belastend, herzgesundheitsschädigend und dämlich. Denn, hey: es ist dein Urlaub, soll Freude machen, und überhaupt!“

Da hat sich der Eindrittel-Franzhase dann das Rotznäschen geschnäuzt, sich und dem Rucksack einen Ruck gegeben mit der klugen Argumentation: „Wenn du jetzt abbrichst, bleibt dir der Schiß in den Knochen hängen! Nimm die – heute zum Glück – sehr entspannte Tour, und überschreibe den trüben Seelen-Kummer mit einer schönen Erfahrung!Außerdem ist heute der 1. August, also nicht nur National-Feiertag in der Schweiz, sondern altes, traditionelles Jahreskreisfest, genannt Lammas oder Lughnasad. Das erste Schnitterfest. Die erste Ernte wird eingeholt, die Kräuter haben ihre höchste Wirkstoff-Dichte! Da wirst du jetzt rausgehen und ganz behutsam schauen, welche erste Ernte du persönlich und speziell jetzt schon einfahren kannst.“

Neuer Abschnitt – Neues Glück! Was für ein Glück, dass ich ein Herz für Minderheiten und Franzhasen habe! Ich bin dann aufgebrochen ins Tannheimer Tal – der Name verpflichtet!

In den ersten Waldabschnitten habe ich tatsächlich noch die Umgebung gescannt, ob ich irgendwo Meister Petz rumtollen sehen. Kurze Zwischenfrage: Hat „petzen“, also einen anderen schäbig verraten, etwas mit dem Petzi-Bär zu tun? Und was wäre dann die Position vom Pixi-Buch? Man merkt: die Dannheimerin ohne „T“ hat schon wieder Oberwasser, was das Wortspielen angeht, so schlimm kann es also nicht sein.

Es ist sogar überhaupt gar nicht schlimm, im Gegenteil: diese Etappe war besonders versöhnungs-schön.

Ich bin ja auch auf dem Jakobsweg unterwegs – zwar in der anderen Richtung, aber egal. In Zöblen gab es die erste Leonards- und Pestkapelle, in der ich nicht nur befreiend singen konnte, sondern auch einen feinen Stempel in mein Heftle setzen konnte. Dass diese Kapelle an einer Wegkreuzung steht UND von einem imposanten Weißdornbusch bewacht wird, das bedeutet mir viel.

Ich knuspere im Weitergehen ein paar Blättchen und grüne unreife Beeren – schon allein für die Herzgesundheit vom Franzhasen – und sinniere darüber, dass ich mir die jeweilige Kommunion selbst erteile, wenn ich mir immer wieder die köstlichen Pflanzen vom Wegesrand meiner Wanderung, meiner Pilgerreise, einverleibe.

Apropos Pflanze. Die Pflanze des Tages ist die Tollkirsche. Eine meiner besonderen Begleiterinnen, schon seit vielen Jahren, die Bella Donna, mit der es wahrlich nicht zu scherzen ist.

Ich habe – wieder einmal am Wasser, also an einem Bächlein, eine Grenze überschritten und wandere fortan wieder ein Stück durch Österreich, diesmal durch Tirol.

Über den dramatisch von angekündigten Regen-Wolken beschienen Höhenweg nähere ich ich mich dem Ort Tannheim. Gerade als ich zur großen Nikolaus-Kirche komme, fängt es an zu regnen. So singe ich eine weitere Runde und genieße die wirklich en riesigen Hallraum. Finde keinen Stempel und hüpfe unterm Regen ins nahtliegende Klimbim-Café, in dem sich eine hervorragende Schlechtwetter-Episode hervorragend überbrücken lässt bei Kaffee und Schoko-Kuchen – bisschen was für die Seelenpflege.

Dass neben meinem Platz ein Korb mit Büchern zum Durchblättern einlädt und mir sofort ein Hildegard von Bingen-Ausgabe mit ausgewählten Zitaten von ihr zum Thema Seele liegt, das nehme ich sehr gerne an. Wobei, sie hat nichts über Schoko-Kuchen geschrieben.

Ich gehe wirklich durch den ganzen Ort und frage überall nach einem Stempel, aber so etwas Altmodisches hat kaum einer mehr. Auch ein einem touristisch aufgemotzten Verkaufs-Laden schickt man mich von einem Verkäufer zur nächsten, die dann wiederum den Bürgermeister anspricht. Ja tatsächlich, der Bürgermeister von Tannheim, Herr Harald Kleiner, genießt hier höchstpersönlich den Einstieg in sein Wochenende.

Er hätte mir ja gern seinen Bürgermeister-Stempel ins Hefte gedrückt, aber da müsst ich schon Montag bis Freitag zwischen 9 Uhr und 12 Uhr vorbeikommen. Tja, da bin ich schon lang über ein paar Berge. Neben einem netten Gespräch über meine Tour und die kommenden Tiroler Etappen ist dann auch schon Selfie-Time:

Ich muss heute Abend dringend meine Handy-Oberfläche mit dem Hochdruckreiniger säubern, da klebt vom Ab&An-telefonieren soviel Sonnencreme auf den Kamera-Objektiven, dass einem vor lauter Weichzeichner ganz schwummrig wird. Vielleicht liegt das aber auch am Weißwein, den der Herr Bürgermeister da mit seiner freundlichen Begleitung genießt.

Ein guter Tipp war, an der Berggondel-Zentrale von Tannheim nach einem Stempelchen zu fragen und schon geht es aufs letzte Viertel des Weges zum Haldensee. Inklusive Schwimmen im Bergsee – was kann es Schöneres geben nach einer durchaus bedeutsamen Tour.

Die Bilanz des Tages fällt also sehr gut aus. ich bin wieder einmal ein kleines Stückchen über mich hinaus gewachsen, als ich dem Zweidrittel-Schisser nicht das Ruder überlassen habe. Zum Glück hat da im Innern eine Stimme den richtigen Weg angeschubst. Und der Weg war wunderbar, leicht zu gehen, angenehmer Wolkenschatten, dadurch nicht zu heiß, und der Regen kam in passender Pausenlücke.

Nette Gespräche und leckerer Schoko-Kuchen – herrje, wie soll das noch getoppt werden? Ich freue mich jetzt echt auf die kommenden Etappen. Noch mindestens zwei Tage auf dem Jakobsweg, hurra!

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