Sommer – Sonnwend & Johanni 2026

Ja, es ist heiß derzeit. Heißer als mir lieb ist, heißer, als sicher vielen von uns lieb sein kann. Mittsommer, Hochsommer. Kalendarisch gesehen ist am 21. Juni der Sommerbeginn. Soll heißen: das geht jetzt erst los – wie gesagt kalendarisch. Meteorlogisch ist uns die liebe Sommerzeit schon seit dem 1. Juni beschoren. Um das Ganze noch ein wenig vielfältiger zu betrachten, endete mit dem 21. Juni der Sonne aufsteigender Lauf. Das war sie, die Phase des aufstrebenden Lichts, der Expansion. Sommersonnwende. Und weil das ein großes kosmisches Ereignis ist, lässt es sich drei Tage Zeit.

Ich nehme mir ebenfalls ein paar Tage – gern die kühlen Morgenstunden zwischen 5.00 und 8.00 Uhr, um gedanklich durch diese besondere Zeit mit ihren Pflanzen und Bräuchen zu mäandern. Apropos Mäander: Wasser ist gut in dieser Hitze, also gehe ich möglichst täglich schwimmen!

Sommer – ein Viertel im Jahreskreis

Zurück zur Sonnwende: zweie gibt es davon, eben jetzt im Sommer und, im Jahreskreis exakt gegenüber, im Winter. Weihnachten feiern wir da über drei Tage: Heiligabend, erster Weihnachtsfeiertag, zweiter Weihnachtsfeiertag.

Jetzt ist die Zeit der Sommersonnwende am 21. Juni und vom 23. Juni auf den 24. die Johannesnacht. In Spanien ist es eben die Noche de San Juan, in der viele wunderbare alte Bräuche und Orakeltraditionen bis heute in der breiten Bevölkerung leben, zum Beispiel ein Blumensträußchen rittlings ins fließende Wasser werfen oder unters Kopfkissen legen, dann träumt man den zukünftigen Traummenschen daher. Oder, ebenfalls rittlings, ins Meer gehen und sich von sieben Wellen überspülen lassen, damit es befreit in die zweite Jahreshälfte geht.

Am 24. Juni feiern wir dann Johanni – wie die Anthroposophen gerne sagen. Ich habe dieses Fest tatsächlich erst in Waldorf-Kindergartenzeit meiner Söhne kennengelernt. Stockbrot backen und dann übers Feuer springen. Was für ein wundervoller alter Brauch! Den ich bis heute pflege – meist ohne Stockbrot.

Feuer frisch entzünden, 21.30 Uhr – und es ist immer noch taghell

Dafür – so war es Brauch – sollte man zuvor viele Holunderküchlein essen, damit man vor Kraft nur so strotzt, um dann möglichst HOCH über die Flammen zu hüpfen, denn so HOCH der Sprung, so HOCH gedeiht das Korn. Ich betrachte das gern auch im übertragenen Sinn und stelle Fragen: Was nährt mich? Wie gedeiht mein aktuelles Projekt? Erfüllen mich meine Beziehungen? Und was von alldem will ich mit in die zweite Jahreshälfte nehmen? Was ist überfällig und darf jetzt ins Feuer?

Man merkt: Im Süden eher Wasser, gen Norden eher Feuer, aus nachvollziehbaren Gründen.

Der Sprung in die dunkle Jahreshälfte

Ich springe also seit diesen Kindergartenzeiten jedes Jahr übers Feuer. Und wenn es nur ein kleines Teelicht im Hotelzimmer ist. Es tut mir gut, den Jahreskreis wirklich zu leben, zu verfolgen. Also wird immer wieder zwischen dem 21. und dem 24. Juni übers Feuer gesprungen, mal lodernd, mal minimalistisch. In diesem Jahr ausgiebig. Der Holler ist zwar längst längst verblüht, also gibt es köstliche Johannis- und andere Beeren:

Beifußgürtel, Johanniskräuter für den Räucherbuschen, ein Kranz mit leuchtendem Alant und allerhand Beeren aus meinem Garten

Hauptsache Feuer zu diesen Sonnenfesten, zu denen neben den beiden Sonnwenden eben auch die beiden Tagundnachtgleichen im Frühjahr und im Herbst gehören. Diese vier Sonnenfeste bezeichnen im Jahreslauf ein zweiachsiges Kreuz. Die anderen vier sogenannten Kreuzviertelfeste lasse ich heute ganz außen vor und kehre zurück zur Sommersonnwende und dem Johannisfest: Gewidmet Johannes dem Täufer.

Sein oft zitierter Ausspruch „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30) bezieht sich auf Jesus, dessen Geburt im Jahreskreis genau gegenüber liegt.

Also lässt sich trotz aller christlicher Umdeutungen und Vereinnahmungsversuchen auch hier noch das archaische Rad erkennen. Johannes, die Hochsommer-Sonne muss nun abnehmen, in die Dunkelheit zurückkehren, damit zur Mittwinternacht aus den Tiefen das neue Licht, ein Christus geboren werden kann. Ich bleibe beim Licht, liebe diese Bilder und die eigene Anbindung an Mutter Natur und den Lauf des Jahres, des Lebens.

Heuer spürt man es in der Hitze besonders deutlich, wie die Zeit dieser Tage förmlich stehen bleibt, bevor die Tage, wenn auch unmerklich, wieder kürzer werden. Baldur, der schöne Gott des Lichts, stirbt in der Mittsommernacht, tödlich getroffen durch einen Mistelzweig. Ausgerechnet die Mistel, dieses Geschöpf zwischen Himmel und Erde, das seinen großen Auftritt zur Winterzeit hat. Da wird sich geküsst unterm weihnachtlich dekorierten Mistelzweig, wenn die Liebe dauern soll. Ursprünglich hing der Zweig über der Tür, der Schwelle, eben dazwischen, zwischen oben und unten, drinnen und draußen, dem alten und dem neuen Jahr – Schwellenzeit.

An meiner Türe hängen nun die beiden Kränze nebst Beifuß-Gürtel zum spiralförmig kompakten dreifachen Rad gebunden

Jetzt stirbt das Licht, der schöne Baldur, und die Dunkelheit kehrt zurück – langsam aber unweigerlich. Seine Gattin, die große Vegetations-Göttin lässt die Früchte nun reifen und gedeihen, bis es im Herbst dann zur Ernte kommt. Das ist der Lauf des Jahres und des Lebens. Wo stehe ich denn derzeit? Seit ich diesen Jahreslauf innig verfolge und für mich mit bewussten Handlungen gestalte und genieße, habe ich nicht schon im Frühjahr eine erste kleine Depression, wenn der Kirschbaum Anfang April seine Blüten zur Erde rieseln lässt, als wäre es ein Brautschleier. Es kommen ja die Früchte, die Kirschen, meine Lieblings-Früchte. Gleich denke ich wieder an die erste Zeile aus Carla Brunis Chanson Le temps perdu:

Je te propose le temps des cerises et de roses“ – ach ja, ihr köstlichen Kirschen. Außerdem wird das Johannisfest in manchen Traditionen auch das Rosenfest genannt, ja, da schau her. Sie blühen in diesem Jahr besonders üppig, die Rosen.

Hochsommer – höchster Sonnenstand

Jetzt hat die Sonne also ihren höchsten Stand, die intensivste Strahlung. So beginnt sie, die Sammelzeit vieler wichtiges Heilkräuter. Als erstes möchte ich – allein schon des Namens wegen – das Johanniskraut erwähnen. Öl ist bereits angesetzt. Blüten für Tee gesammelt und in meinem Mittsommer-, bzw meinem Johanni-Kranz ist es natürlich auch prominent vertreten. Die kleine Braunelle – siehe Galerie unten – und diverse Labkräuter sind ebenfalls gesammelt, Mariengras für Räucherzöpfe geschnitten und geflochten, Linden- und Holunder-Blüten sowieso. Grüne Walnüsse, sogenannte Johannis-Nüsse sind ebenfalls angesetzt, und die unterschiedlichen Beeren-Marmeladen werden mich im Winter an diesen Sommer erinnern. Ich freue mich jetzt schon drauf!

Es gab in diesem Jahr sogar 2 Kränze: einen zur Mittsommernacht und diesen hier mit prominenter Alantblüte zwischen Beinwell, Mutterkraut und Johanniskraut

Ich trage im Sommer so gerne Blumenkränze im Haar, ich verbinde mich mit den bewusst gewählten Helferpflanzen und stelle mich mit dem Kranz auf meinem Haupt zwischen Himmel und Erde – kosmischer Vater und kosmische Mutter. Heute bin ich endlich wieder alt genug, mich dafür nicht zu genieren. Als Kind ist es natürlich und spielerisch und völlig normal (zumindest in meiner Kindheit gewesen) dann gab es einige Jahre, da tönte von außen oder in mir selber: „Geh, das ist doch kindisch!“

Genau, unschuldig wie die Kinder sollten wir sein, oder wie war das sonst mit dem Himmelreich und Matthäus 18?

Besonders schön war in diesem Jahr, dass wir mit Carsten Linck genau am 21. Juni im Bürgermeisterhaus Werden zu unserem Konzert „Es tönen die Lieder – Volkslieder zum Mitsingen geladen haben. Im Garten – quasi unterm Lindenbaum. Kein schöner Land in dieser Zeit! Und wie wir alle wissen – und ohne Notenblätter vierstimmig schmettern, dass die Blütenblätter zittern: Froh zu sein bedarf es manchmal wirklich wenig!

Zwischen Kunst und Skulptur im schönen Garten des Bürgermeisterhauses – ich würde am Liebsten immer mit den Menschen draußen singen. Carsten Linck denkt darüber nach, wie man auf dem Foto sieht.

Sommerzeit = Badezeit

Eine weitere wirklich erfreuliche Neuerung ist für mich, dass ich – just genau in diesen mittsommerlichen Schwellentagen den Baldeneysee zum Schwimmen entdeckt habe. Nach 33 Jahren. Irgendwie hatte ich immer an der Wasserqualität gezweifelt – wenn man im klaren Bergsee einst das Schwimmen gelernt hat, ist das eben anders. Chlor mag ich gar nicht und mit dem Auto zu entfernten Naturgewässern zu fahren, macht für mich auch keinen Sinn. Also überwinde dich, Dannheimerin: ab, über die Schwelle, zum See, der für mich ja wirklich fast vor der Haustüre liegt.

Ich habe heuer, nach 33 Jahren, den Baldeneysee als Bademöglichkeit für mich entdeckt.

Sea Side Beach nennt sich dieses – unter anderem als Badestelle ausgewiesene – Areal nun. Grässlich buntes „Adventure Mini-Golf“ lädt mich nicht unbedingt ein, aber ganz hinten, gegenüber vom Klettergarten und kurz vor den Supboards und Wind-Foilern, da weht eine leichte Hippie-Brise, da ist es ein bisschen Freestyle. Da sind zwei kleine Becken dem schmockeligen See-Ufer abgetrotzt und von Entenkacke und Schlingpflanzen ein Stück weit befreit. Ein Herr Baywatch im roten T-Shirt wacht unter ebenfalls rotem Schirm und passt auf, dass niemand unter den Absperrbändern hinaus ins freie Wasser driftet. Von den Stegen darf sogar gekopfsrungt werden.

Richtig kühl ist das Wasser derzeit nicht, und an all dem, was da an mir vorüber dümpelt schaue ich geflissentlich vorbei. Ich genieße es, dem Flug der Bussarde über dem Baldeneybergrücken zuzusehen. Die Aussicht ist herrlich: am einen Ende des Sees gräbt sich das Mäh-Boot durch den Algenteppich und am anderen krakeelt der Ruder-Trainer vom Motorboot aus seinen paddelnden Schützlingen hinterher.

Apropos Aussicht – vielmehr Rückblick:

Es ist nun exakt drei Jahre her, dass ich zu Johanni 2023 genau hier, am Baldeneyberg, hoch über See zu meiner Tour franzi geht dann heim aufgebrochen bin. 1000 Kilometer in Richtung Süd Ost, um am Schliersee zu landen – wollen wir noch einmal kurz an Wasserqualitäten denken? Nein. Der Tourname ist natürlich ein Wortspiel mit meinem Namen, den ich von väterlicher Seite her trage. Aus dem Blog wurde sogar ein Buch, erschienen beim Verlag 360 ° medien.

Diese Tour war eine meiner sehr guten Ideen gewesen und die Ereignisse wirken bis heute nach. Es war ja gewissermaßen die Strecke entlang meiner Vaterlinie, also Orte und Strecken, die etwas mit dem Familienzweig meines Vaters zu tun habe: Urgroßvater war Schuldirektor in Barmen, Studienzeiten in Köln und Tübingen, den anderen Urgroßvater zog es an den Schliersee … so viel dazu.

Jetzt geht sie wieder

Konsequent weiter gedacht und den nächsten Schritt weitergehend steht nun die Route entlang der mütterlichen Linie an. Von Stuttgart aus über den Schwarzwald und Tirol nach Meran, genauer gesagt: ins Dorf Tyrol. Der Tourname lautet, in Anlehnung an den Nachnamen meines Urahns Schorpp, also Scorpion: FranScorpia. Wohl an denn. Ich werde wieder meinen Blog zur Tour schreiben – aber KEIN Buch im Anschluss herausbringen! Darauf ein Drachenfrucht-Eis aus meiner aktuellen Lieblings-Eisdiele BENURO am Stadtwaldplatz!

Da freut sich die Dannheimerin übers köstliche Eis, wie ein Kind

Apropos Freuen wie ein Kind: noch einmal zurück zur Kindergarten-Johanni-Erinnerung: Die Kindergärtnerin meiner Söhne berichtete, dass die Kinder, wie aus dem Nichts und von sich aus zur Johanni-Zeit plötzlich Weihnachtslieder schmettern – nun denn. So schließe ich hier dennoch NICHT mit „Oh, Tannenbaum“, erinnere mich und meine Mitsingenden im Bürgermeisterhaus-Garten daran, dass in der zweiten Strophe von Brahms Wiegenlied „Guten Abend, Guten Nacht“ ebenfalls von „Christkindleins Baum“ die Rede, also die Singe, ist.

Stunden- tagelang könnte ich nun weiter mäandern, doch schließe ich hier an dieser Stelle mit eine kleinen Galerie an Eindrücken und zuvor einem alten Sonnwendlied:

Das Rad des Jahres dreht sich und das Sonnwendfeuer erhebt sich.

So bring dich ein, trag die Glut mit heim und entzünd‘ deines Herzens Sehnen

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